Full text: Pädagogisches Archiv - 22.1880 (22)

 
-- 675 -- 
den Hauptzwed>, den ſie ſich geſtellt, vor Aeußerlichkeiten verna<läſſigten und die 
Nebenſache, das Vergnügen und den Genuß mehr cultivirten. Als weitere Ur- 
ſachen giebt Director Kleinſorge an, daß die Schüler, was den Unterricht anbe- 
treffe, zu früh ſelbſtſtändig würden und, wa3 ihr ſonſtiges Leben anlange, zu 
lange unſelbſtſtändig blieben. Was letzteren Punkt anbetreffe, ſo giebt Redner 
ſogar anheim, ob nicht die Schulzeit abzukürzen ſei, damit nicht Siebzehn: und 
Achtzehnjährige dem ſtrengen Shulzwange unterworfen ſeien. Endlich aber be- 
tont Redner, daß die Schüler, beſonder38 die der höheren Klaſſen, unbefriedigt 
ſeien. Den geiſtigen Anſtrengungen ſtehe nicht die nöthige körperliche Erholung 
und ſonſtige Auffriſhung gegenüber. Man müſſe den Schülern den Genuß des 
Aufenthaltes im Freien und in der Natur mehr bieten, ihnen Gelegenheit geben, 
zu muſiciren und Declamationzübungen zu veranſtalten. Redner unterſcheidet 
ſtreng zwiſchen Schülerverbindungen und Schülervereinen. Lettere müßten von 
Lehrern überwacht werden. An der von ihm geleiteten Anſtalt hätten nach 
einander zwei Lereine beſtanden, der eine von 1870 bis zu dem Verbote des 
Wirth8hausbeſuc<hes der Schüler, der andere ſpäter, der erſtere habe für ſeine 
Verſammlungen ein öffentliches Lokal wählen müſſen, weil er ſich ſo ausgedehnt 
habe, daß eine Privatwohnung für ihn niht mehr ausrei<hte. Die Mitglieder 
deſſelben hingen mit Liebe an dem Verein und dur< denſelben wurde au<h die 
Liebe und Anhänglichkeit zur und an die Schule gepflegt. E38 kamen allerdings 
Fälle vor, daß Mitglieder, deren innigſte Liebe der Verein in Anſpruch nahm, 
in einzelnen Disciplinen zurükgingen, aber in ſittlicher Beziehung ſeien keine 
nachtheiligen Folgen zu verſpüren geweſen. Als8 der Verein wegen de38 unbe- 
dingten Wirth8hausverbotes aufgelöſt werden mußte, ſeien Verſuche, denſelben 
re<ht8widrig und geheim zu reconſtruiren, nicht gemacht worden. Ueberhaupt ſei 
die Friedrich:Wilhelm-S<hule von dem Unweſen der geheimen Scülerverbin- 
dungen verſchont geblieben. Jett beſtehe an derſelben no< jener ſchon erwähnte 
zweite Verein. Derſelbe halte ſeine Sizungen, welye mit Declamationen und 
Muſik ausgefüllt werden, in einem Sc<ullokale, ab und veranſtalte von Zeit zu 
Zeit Aufführungen, zu denen die Lehrer und Eltern eingeladen werden. (Auch 
den Rudervereinen redet Herr Kleinſorge das Wort.) Redner jtellt, um Entſchul- 
digung bittend, daß ſein Vortrag nicht habe erſchöpfend ſein können, folgende 
Theſen zur Discuſſion: 1) Es ſind nicht auf Wiſſen gerichtete, berechtigte Be- 
dürfniſſe der Jugend zu befriedigen. (Das geſperrte Wort wird ſpäter von 
dem Vortragenden, einem Wunſche des Oberſhulrath8 Wendt:Carl3ruhe folgend, 
umgewandelt in „berücſichtigen"). 2) Die Anſprüche an das Wiſſen der Schüler 
ſind zu vereinfachen und zu mäßigen. 3) Schülervereine müſſen unter der Aufſicht 
und Leitung der Schulen ſtehen. 4) Für die Aufrechterhaltung der Disciplin 
außerhalb der Schule ſind die Eltern und deren Vertreter allein verant- 
wortli<. (Die letzte Theſe wird ſc<hon bei ihrer Verleſung mit Beifall aufge- 
nommen, Redner bemerkt erläuternd dazu, er wolle nicht der Schule allein das 
Werk der Erziehung der Jugend überlaſſen, wie es allenfalls im Alterthum der 
Fall geweſen ſei. Die Trennung von Schule und Haus ſolle als ec<t deutſche 
Einrichtung bleiben; aber man ſolle ni<t der Schule etwas aufbürden, wofür 
ſie und die Lehrer nichts können. Auch dürften die Lehrer und der Director 
nicht zu Spionen mißbraucht werden). 43*
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.