Full text: Pädagogisches Archiv - 22.1880 (22)

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auszuſtellen, einen harten Kampf mit ſeinem Gewiſſen beſtehen. Unter 
ſolHen Umſtänden ſind die vier, reſp. drei Stunden in den oberen 
Klaſſen abſolut unzureichend. Z< habe deshalb beiſpielweiſe in den 
lebten Jahren mic< wohl oder übel dazu entſchließen müſſen, ſtatt des 
Vergil in der Prima den Ovid zu leſen, obwohl im aus Erfahrung 
weiß, daß die Metamorphoſen dem Primaner kaum no< ein rechtes 
Intereſſe abzugewinnen vermögen; ic<h habe de8halb auc< nicht mehr 
gewagt die Germania mit den Schülern zu leſen, weil mir die Pflege 
des Sprachlichen höher ſtehen mußte, als das ſac<hlich Intereſſante ; ich 
habe in den Secunden mir kaum die Zeit nehmen dürfen zu ſchrift- 
limen Extemporalien, ſondern habe ſuchen müſſen überwiegend durch 
mündliche Ueberſezungen aus dem Deutſchen grammatiſche Sicherheit 
der Schüler zu gewinnen und zu befeſtigen. Strebſame Schüler haben 
freilich dur< freiwillig übernommene Arbeiten die mancherlei mit in 
die Klaſje gebrachten Shwächen zu beſeitigen geſu<t. Aber wenn ich 
ihnen den Rath geben mußte ſo etwas auf ſich zu nehmen, ſo habe 
ich e8 meiſt mit dem betrübenden Bewußtſein gethan, daß es eine 
Härte ſei, die ſ<on ſo unter ihrer Laſt Seufzenden no< mehr zu 
beladen. 
Vor Allem iſt mir in den oberen Klaſſen bei den Schülern nicht 
ſelten Unſicherheit in der Formenlehre und eine zum Theil er- 
ſ<hre&ende Unklarheit in der Auffaſſung grammatiſher Grundan- 
ſ<auungen entgegengetreten. Z< ſpreche nicht etwa von der Ge- 
dankenloſigkeit, welche in leäterer Beziehung auch in den oberen Klaſſen 
Verkehrtes zu Stande bringt, ſondern von einer wirkliven Shwäce 
mancher Schüler, welhe doc< Jahre lang in vier Sprachen Grammatik 
getrieben hatten. Dieſelbe Erfahrung wird wohl auc< ander3wo auf 
den Realſchulen gemacht ſein, und in gleicher Weiſe bei dem Unterricht 
in den neueren Sprachen, wie von den Lateinlehrern. Dieſe Unklarheit 
in grammatiſchen Grundanſc<auungen habe ic< allerdings vorzugsweiſe 
bei ſolhen Schülern bemerkt, welche erſt ſpäter, nachdem ſie einige 
Jahre Franzöſiſg und Engliſch getrieben, nun au<ß das Lateiniſche 
hatten erlernen müſſen, weil e8 eben bei uns von ihnen verlangt 
wurde; aber auc< bei ſolchen, welhe von Anfang an auf unſerer 
Schule ihren Unterricht genoſſen hatten. Die durch das Lateiniſche 
geſmulten Gymnaſialſhüler dagegen, wel<e in den mitleren Klaſſen 
zu uns gefommen waien, zeigten durchſchnittlih größere gramma- 
tiſc<e Klarheit als jene. Das ſ<ließt natürlich ni<t aus, daß die
	        

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