Full text: Pädagogisches Archiv - 22.1880 (22)

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unterrichtet, ſo muß der Tertianex im Stande ſein, die Beziehungen 
der einzelnen Begriffe zu einander, wel<he für den ſprachlihen Aus- 
dru> einfa<ßer und mehrfac< gegliederter Gedanken verwandt werden, 
richtig zu erkennen; oder mit anderen Worten: er wird die gramma- 
tiſHen Grundanſ<hauungen gewonnen haben, wel<he ihn zu 
ſh<arfer Unterſcheidung der einzelnen Theile des (einfachen und 
zuſammengeſeßten) Saßes befähigen und zu klarer Auffaſſung des 
logiſchen Verhältniſſes, in wel<hem dieſelben zu einander ſtehen. 
Er wird ferner die ihm mehrere Jahre hindur< bei dem Unterricht 
in der fremden Sprache aufgenöthigte Reflexion nun ohne einen 
beſonderen äußeren Jmpul8s auc<h auf die Mutterſprache übertragen 
und nicht mehr den bloßen Lautausdru> des Wortes ins Auge faſſen, 
ſondern noch wichtiger wird ihm die Erwägung ſein, wel<e Geltung 
daſſelbe als Saßtheil habe. Und das wird ihm beſonders3 zu ſtatten 
kommen, wenn er bei Ueberſeßungen in eine fremde Sprache ſich zu 
entſheiden hat. Der Tertianer aber, welher in dem deutſchen 
Satze beiſpielsweiſe gleihlautende Caſus, Adjectiva und Adverbia, 
ähnlich lautende active und paſſive Verbalformen no< mißverſteht, der 
hat eben nicht die Frucht eingeheimſt, wel<he der Lateinunterricht 
ihm hätte darbieten ſollen. 
Auf den Realſchulen nun wird dieſer Anfangsdienſt des Latei- 
niſchen für die Entwi>delung der grammatiſhen Klarheit weſentlich 
dadurc< gehemmt, daß ſchon in der Quinta als eine zweite fremde 
Sprache das Franzöſiſc<e hinzutritt. Die dem Lateiniſchen auf 
dieſer Stufe no< vollauf gebührende Kraft des Schüler8 wird ſo, 
auf zwei Gegenſtände, zum Shaden für beide, vertheilt, und das der 
neuen Sprache Eigenthümliche in der Grammatik, welches dem reiferen 
Schüler als eine lei<hte Modifikation des ſchon Bekannten ohne Mühe 
verſtändlih wird, muß verwirrend auf die jungen Köpfe einwirken. 
I< bin auc< davon überzeugt, daß, wenn man mit dem Franzöſiſchen 
erſt in der Quarta begönne und in zwei Klaſſen nur je eine wöhent- 
liche Lehrſtunde mehr dafür anſetzte als bis8her, daſſelbe Endreſultat 
würde gewonnen werden, welches wir heute erreihen. Dann würde 
der gemeinſame Unterbau der Gymnaſien und Realſchulen in den 
beiden unteren Klaſſen ſich ganz von ſelber machen. Die zwei oder 
drei wöchentlichen Stunden, welhe in der Gymnaſial-Quinta für das 
Franzöſiſche angeſeßt zu werden pflegen, nüßen zwar wenig für das 
Lehrobject; für die grammatiſche Entwi>elung aber in dem von mir 
angegebenen Sinne können ſie auch nicht gradezu ſc<ädli< wirken,
	        

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