Full text: Pädagogisches Archiv - 23.1881 (23)

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eure Schweſter : daß dies zum Glü> ihr ſei." So ſind durc<gängig 
die kernigen und dem aufmerkſamen Leſer ſo leiht verſtändlichen Wen- 
dungen des Originals bei Freytag durc< allgemeinere Phraſen wieder- 
gegeben; für „die Mär nicht wiſſen“ ſagt Freitag: „keine Ahnung 
haben“ (Str. 2106), für „es reut mich“ „es fällt mir ſchwer auf's 
Herz“ u. ſ. w. Die Sprache nähert ſi< dadur< allerdings der mo- 
dernen Umgangsſprache ; ob aber das Lied in dieſem Kleid mehr 
Freunde findet als in der alten roſtigen Nüſtung, die ihm Simro> 
gelaſſen, das iſt do< ſehr zu bezweifeln, 
Der Umſtand aber, daß Freytag als „eifriger Lachmannianer“ 
die von Lachmann für une<ht erklärten 725 Strophen einfach ausge- 
laſſen hat, wird zur Popularität dieſer Ueberſezung auch nicht ſonder- 
lic< beitragen. Unter dieſen 725 Strophen ſind manche jo ganz im 
Geiſt der Dichtung und mit dieſer ſo verwachſen, daß ſie eben nur 
der Germaniſt von Fach der handſchriftlihen Textkritik ohne Weiteres 
opfern mag. Mögen die erſten zwölf Strophen interpolirt ſein oder 
nicht, volksthümlicher iſt jedenfalls dieſe behagliche Einleitung als wenn 
ſofort mit Kriemhildens Traum begonnen wird. Und Strophen wie 
951, da Kriemhild auf die Rede des Dieners, der Erſchlagene vor 
der Thüre könne wohl ein fremder Mann ſein, ausbri<t: „Nein, 
Siegfried iſt e8, mein geliebter Mann: Brunhild hat's gerathen und 
Hagen hat es gethan" kann und will der heutige Lejer nict mehr 
entbehren. Hat der Germaniſt krikiſ<e Bedenken, ſo kann er die be- 
treffenden Verſe ja mit einem Sternc<en verſehen oder unter den Text 
ſezen, aber ſie völlig aus8merzen, nachdem ſie ſchon in der älteſten 
Handſchrift Aufnahme gefunden haben, das beweiſt mehr Pietät gegen 
Lachmann als gegen das Lied und ſeine Freunde. 
Einen Vorzug bat dagegen Freytag3 Werk vor dem Simro'ſchen, 
eine ausführliche Einleitung in die Sagenwelt des Nibelungenliedes 
und eine Anzahl erklärender Anmerkungen. BWerfaſſer ſteht auf der 
Seite derer, die in der Siegfried- und Dietrichſage urſprünglich Mythen 
ſehen, welche durch hiſtoriſche Ereigniſſe eine bei der Siegfriedſage 
lei<hter, bei der Dietric<hſage ſ<werer abzulöſende Verhüllung erfahren 
haben. Er legt ſeinen Standpunkt in anſprechender Weiſe dar und 
bekundet ein feines Verſtändniß niht nur der nordiſchen Sagenkreiſe, 
ſondern auch der vergleihenden Religion8geſhi<te. Auch die Anmer- 
kungen geben dem Fleiß und der Gelehrſamkeit des Verfaſſers. ein 
rühmliches Zeugniß.
	        

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