Full text: Pädagogisches Archiv - 23.1881 (23)

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Die deutſhen Klaſſiker, erläutert und gewürdigt 
von Ed. Kuenen, Königl. Seminar-Director, (Köln, Römke 
u. Co.) ſind ſc<on beim Erſcheinen de8 zweiten Bänd<hen3 im Decem- 
berhaft des Jahrgangs 1879 im Allgemeinen <arakteriſirt worden. 
Das 3. Heft: Minna von Barnhelm und das 4.: Hermann 
und Dorothea beſtätigen das dort Geſagte. Verfaſſer iſt ein 
fleißiger Compilator, der von der reich beſeßten Tafel ſeiner Vor- 
gänger wegnimmt, was ihm zuſagt, ohne aus eigenen Mitteln irgend 
etwas Sc<hmadhafte8 hinzufügen zu können. So anerkennenswerth 
ſolche Leiſtungen für den Privatgebrauch ſein mögen, ſo erbaulich 
manches für die Schüler und den engeren Kreis der Fachgenoſſen ohne 
Zweifel iſt, muß denn alles gleih gedru>t und zu einem weitläufigen 
literariſ<en Unternehmen verwerthet werden? „Wer einen Thurm 
bauen will, ſizet do< zuvor und überſchlägt die Koſten, ob er e8 habe 
hinauszuführen, auf daß nicht, wo er den Grund gelegt hat und 
kann es nicht vollenden, Alle die es ſehen, fangen an ſeiner zu ſpotten 
und ſagen : Dieſer Menſc< hob an zu bauen und konnte es nicht vollen- 
den." Was ſoll z. B. aus dieſen Erläuterungen werden, wenn der 
Verfaſſer einmal an Werke kommt, bei welchen ihn die Niemeyer, 
Cholevius, Hieke, Linnig, Humboldt 2c. im Stich laſſen und nur noch 
der einzige Dünßer bleibt; und wenn in der neuen Literatur vollends 
auc< Dünßer einmal verſagt? Mit Grauſen ſeh ich das von weiten! 
Drum, werther Herr, berathet eue in Zeiten! Das Verfahren des 
Verfaſſer8 iſt nämlich in der That ſo, daß man Abſchnitt für Ab- 
ſchnitt, hier und da Saß für Saß, die fremden Fäden nachweiſen kann, 
die er zuſammengewoben, nicht eben unverſtändig aber do< ziemlich 
mechaniſ< und ohne ſi< auc< nur auf die Appretur re<ht zu verſtehen. 
Denn au die Diction iſt, wo immer der Autor ohne fremde Anlei- 
tung ſpricht, eine ungemein ſ<ülerhafte. JFortwährend wechſelt er ohne 
Grund zwiſchen dem ſchildernden Präſens und dem erzählenden Präteri- 
tum, daſſelbe epitheton ornans kehrt immer wieder, *) die Ausführung 
der von andern entlehnten Gedanken und Bilder iſt oft überſ<wänglich, 
oft trivial. So zwe>mäßig und wünſchenswerth es aſo auch jein 
mag, wenn ſich der Herr Seminardirector zu ſeiner eigenen Fortbil- 
dung no< recht eingehend mit den deutſchen Klaſſikern beſchäftigt, ſo 
*) Z. B. S, 46 des 4. Bändc<hen3s. Dorothea gedachte des edlen Freundes; 
Hermann lauſ<te ihren Worten mit edler Rührung und erkennt in dem edlen 
Verklärten einen geiſtigen Bruder wegen ſeines edlen Strebens.
	        

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