Full text: Pädagogisches Archiv - 23.1881 (23)

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jamer Fortgang, aber ein ſtetiger ; und war es auch übertrieben, wenn 
zu Anfang dieſes Jahrhunderts Fr. A. Wolf behauptete: lateiniſch 
reden können auf den berühmteſten Univerſitäten niht 3 Gelehrte 
mehr, und von Lehrern auf Schulen kaum 6 unter 100, =- ſo bleibt 
der Ausſpruch denno< wichtig als das Zeugniß eine8 Kenners. Nach 
ſeiner Zeit hörte auf den deutſchen Univerſitäten =“ in anderen Län- 
dern war es ſchon früher geſchehen =- der bei verſchiedenen feſtlichen 
Akten uoch beibehaltene Gebrau<h der lateiniſ<en Sprache immer mehr 
auf, Wie hätte aber dies ſucceſſive Aufgeben, wozu der Miniſter die 
Genehmigung nicht verſagen konnte, ſo daß nicht nur eine lateiniſche 
Vorleſung zur Seltenheit wurde, ſondern in dieſer Beziehung auch die 
Diſſertationen und Disputationen bei der Creirung zum Doctor 
u. dgl. m. freigegeben werden mußten, ohne Rückwirkung auf die Gym- 
najien bleiben können? Aber die ſtärkſte Wirkung übte ja auf die 
Schulen wie auf die Univerſitäten das Leben ſelbſt und die Entwickelung 
der Wiſſenſ<haften. Die Bildungsziele veränderten ſich weſentlich, und 
da lateiniſch zu ſprechen und zu ſchreiben kein nothwendiges Erforderniß 
mehr war und ſich auf ſeltenere Gelegenheiten beſchränkte, ſo wurde 
auc< in den Schulen der Zwe> der lateiniſmen Schreib- und Sprech- 
übungen, ohne daß es allen zu deutlichem Bewußtſein gekommen wäre, 
immer weniger die Erlangung jener Fertigkeit zu wirklihem Gebrauc, 
als vielmehr Befeſtigung in der Grammatik und Unterſtüzung des 
Verſtändniſſes der Autoren. 
Von derſjelben Seite, wo der Vorwurf wegen abnehmender Kenntniß 
der alten Sprachen erhoben war, kam die Klage, daß die jungen Leute 
jeht wenig Intereſſe zu den Univerſitätsſtudien mitbringen, nicht gleich 
mit Eifer anfaſſen und die erſten Semeſter zu Ferien machen. Wieder 
hieß es dabei: „An un3 Profeſſoren liegt es wirklich nicht" ; „aber 
die Schulen laſſen es an ſich fehlen; jeder ſollte vom Gymnaſium das 
Gefühl der Verantwortlichkeit für den Gebrauch ſeiner Zeit mitbrin- 
gen“. Sehr wünſchen8werth, ohne Zweifel! Aber wer möchte be- 
weijen wollen oder können, daß gegen frühere Zeiten der Studieneifer 
allgemein abgenommen hat ? Und wäre es ſo, wie kann man allein 
die Schule verantwortlih machen wollen, wenn man ſieht, in welcher 
Atmoſphäre des öffentlichen Lebens die Jugend jetzt zu großem Theil 
aufwächſt, und wie gelodert vielfach die häuslihe Zucht geworden iſt? 
Die Beſchäftigung mit Philoſophie in den Gymnaſien wurde 
von einem Abgeordneten als Humbug bezeichnet. Dabei wird der
	        

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