Full text: Pädagogisches Archiv - 23.1881 (23)

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Abgeordneten gefordert wurde: „es müſſe eine Einrichtung gefunden 
werden, bei der die Nealſ<hulen für alle Fachſtudien geeignete Abiturien- 
ten liefern können"; oder auc< von einem anderen: die Nealſchule 
müſſe vollſtändig Gelehrtenſ<hule werden, und zum Abiturientenexamen 
auch ein freier lateiniſ<er Aufſaß gehören. Demſelben Abgeordneten 
war e3 möglich die zwei Behauptungen zu vereinigen: die jetzige Ver- 
faſſung der Realſchulen tauge nichts, und: wenn ein Realſchüler auf 
ein Gymnaſium übergehe, ſo zeige ſih, daß er mit den Schülern 
deſjelben auf gleicher Stufe der Ausbildung ſtehe. =- Es würde übrigens 
weder nöthig no; gerathen ſein, ſämmtlichen Nealſ<ulen, welche die 
vorgeſ<lagene facultative Vermehrung des lateiniſchen Unterrichts eine- 
führen, ſofort auc das Nec<ht, zum Studium der Medicin zu entlaſſen, 
auf ein Mal zu verleihen; es könnte ſehr wohl, analog dem Ver- 
ſahren der Aufnahme in die erſte Ordnung, ſucceſſive und immer nur 
auf Grund einer vorgängigen Neviſion und Prüfung nicht nur der 
Leiſtungen der oberen Klaſſen, ſondern auc< des ſonſt Erforderlichen 
geſchehen, 
Eine zweämäßige Durchführung des Lehrplans hat in den NReal- 
ſ<ulen mehr Schwierigkeit als in den Gymnaſien, bei denen ſich für 
die meiſten Gegenſtände längſt eine größere Uebereinſtimmung und 
Feſtigkeit des methodiſchen Verfahrens gebildet hat, was auch ſchwächeren 
Lehrfräften zu gute kommt, Zu einer ähnlihen inneren Conſolidirung 
ſind die Realſchulen im allgemeinen noc< nicht gelangt; es fehlt oft 
noh dasjenige Jneinandergreifen des verſchiedenen Unterrichts und die 
gegenſeitige Ergänzung der Lehrkräfte, wodurc< die Schule eine päda- 
gogiſ< wirkjame Einheit wird. Es iſt nicht ſelten der Fall, daß den 
Schülern die unausgeglichenen gleichzeitigen Anſprüche der verſchiedenen 
Lehrer an ihre Zeit und Arbeitskraft ſehr drückend werden, beſonders 
wenn über die Grenzen des Lehrplans hinausgegangen wird. Dies 
zu thun, verleitet die Lehrer bisweilen ein gewiſſer Ehrgeiz, oder auch 
eine Verwechslung ihres eigenen wiſſenſc<haftlichen Jntereſſe3 mit vem 
Vedürfniß der Schüler, Es iſt im Abgeordnetenhauſe geſagt worden: 
die Primaner der Realſchulen verſtehen den Livius nicht, ihr Ueber- 
jezen iſt nur ein Nathen. Aber den Livius ſchlechthin hat das Regle- 
ment gar nicht in den Lehrplan der Realſ<hulen aufgenommen, dazu 
iſt er zu ſc<wer, ſondern nur eine Auswahl leichter erzählender Payx- 
thien vorgeſchrieben. Einzelne Nealſhulprogramme prunken ſogar mit 
Horaz und Tacitus! Was kann in der beſchränkten Zeit dabei heraus- 
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