Full text: Pädagogisches Archiv - 23.1881 (23)

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Lehrgegenſtände, deren Aneignung von den Mädchen verlangt wird, 
daß ihnen immer mehr geiſtige Arbeit zugemuthet wird. Solcher 
Tendenz muß mit aller Entſchiedenheit, mit dem nac<drülichſten Ernſte 
von oben herab entgegengetreten werden. 
Meine Herren, in einer Beziehung kann die Staatsregierung in 
ausgiebigſter Weiſe einwirken, nämlic< inſofern e8 ſim um die Aus- 
bildung zu Lehrerinnen handelt, alſo au< um das Examen der Lehr- 
aſpirantinnen. Dagegen, daß ein ſolches Examen beſteht, habe ich nichts zu 
erinnern ; auch dagegen nicht, daß dies Examen ein ernſthaftes iſt, es 
verſteht ſih da8 wohl von ſelbſt. Aber, meine Herren, worüber alles 
werden dieſe Mädchen examinirt! Da gilt das alte Wort: „ae omni 
res Scibili et de quibusdam aliis“ J< habe mir eine Liſte der in 
Rede ſtehenden Examination8gegenſtände einmal vorlegen laſſen, und 
i< kann ſagen, ich war erſtaunt, aber auch zugleich erſchre>t über das- 
jenige, was alles von den Mädchen in ihrem 17. oder 18. Jahre ver- 
langt wird; im für meine Perſon würde durc< ein ſolches Examen 
fallen, wenn auc< nur der vierte Theil der Liſte von mir abgefragt 
würde. (Heiterkeit.) Und, meine Herren, wozu ſoll das alles gebraucht 
werden? Zſt es denn möglich, frage ic<, daß alle die Gegenſtände, 
nac< welchen die betreffenden Mäd<hen im Lehrerinnenexamen gefragt 
werden, von denſelben auch nur annähernd gründlich aufgefaßt und ge- 
lernt werden ? Unmöglich! =- Da gilt -- kann im hinzufügen -- der 
Spruch: „Wiſſen iſt Kraft, Vielwiſſerei Shwäche.“ Zuvor hat ein 
praktiſ<er Shulmann behauptet, letztere ſei jogar gleichbedeutend mit 
Dummheit; ic< glaube, ſie führt meiſt zur Dummheit, jedenfalls zur 
Schwächung de3 Verſtandes und zu einem unpraktiſ<en Weſen. So 
iſt es, wenn der Kopf mit allzu vielerlei überladen wird, wovon er 
das ihm gebotene nicht gründlich verdauen kann; es iſt, wie geſagt, 
meine Ueberzeugung, daß es ſich im Allgemeinen jo verhält. Die 
Lehrerinnen ſollen doh wieder nur andere Mäd<hen heranbilden, ſie 
ſollen ſie in dem Nothwendigen, in dem, was ſie im Leben gebrauchen, 
heranbilden. Was iſt denn aber für die ungeheure Mehrzahl im 
heranwachſenden weiblichen Geſchleht da38 Nothwendigſte? Jn geiſtiger 
Beziehung habe ich e8 ſhon zuvor angedeutet; aber wie viel Prak- 
tiſ<es, Hausba>ene3s müſſen ſie noH dazu wiſſen, um zum Beiſpiel 
tüchtige Frauen zu werden? Bleibt ihnen dafür nom Zeit? Wie viel 
müſſen ſie noh wiſſen, um einer Haushaltung vorſtehen oder in einer
	        

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