Full text: Pädagogisches Archiv - 23.1881 (23)

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Haushaltung in jeder Beziehung mithelfen zu können! Statt dies zu 
lernen, werden ſie no< nebenher im Turnen unterrichtet. 
Meine Herren, unſere Gegenwart befindet ſich nah dieſer Seite 
hin in einem wahrhaft krankhaften Zuſtande. J< glaube, dieſe Krank- 
heit muß zunächſt gründlich erforſ<t und ihr dann entſchieden entgegen- 
getreten werden. Meine Herren, zu der Fülle des Lehrſtoffs, welcher 
den Mädchen angemuthet wird und der ſie nöthigt, oft bis tief in die 
Nacht hinein ihren zarten Körper abzuhärmen, ihre Augen zu verder- 
ben, die Bruſt zu zerquetſ<en, was nicht ganz ſelten geſchieht -- ich 
übertreibe niht -- kommen no<F die modernen Methoden. Dieſe 
Methoden -- ich weiß, daß ic< hier mit den Shulmännern von Pro- 
feſſion gar ſehr in Konflikt gerathe --- ſind nicht aus dem vollen Leben 
herau8gewachſen; ſie ſind dur<weg von Theoretikern ausgeklügelt. 
Darum iſt es denn au< ſo unbequem, mitunter ſo ſ<wer, ſich den- 
ſelben anzufügen. Jh kann verſihern, daß es mir kaum begreiflich 
iſt, daß ich mich hierher noh ſo leidlich dur<geſchlagen habe; (Heiter- 
keit) denn von dieſen neuen Methoden, von wel<hen man glaubt, daß 
es allein durc< ſie ermöglicht ſei, ein wahrhaft gebildeter Menſc< zu 
werden, verſtehe im nicht3; ich bin nac<H denſelben nicht herangebildet 
worden. Es iſt ſoweit gekommen, daß jeßt ein ganz gelehrter Vater 
oder Großvater ſeine Kinder oder Enkel ni<t mehr im ABC, in der 
Orthographie, dem Rechtſchreiben unterrichten kann; ich wenigſtens be- 
finde mich nicht in der Lage, denn das ABC-Lautiren, das Schreiben 
iſt neuerdings ein anderes geworden. Wir haben ja doch eine nagel- 
neue Orthographie bekommen; kurz, na<g allen Seiten hin ſtößt man 
auf Klippen. (Heiterkeit, ) 
I< glaube mit dieſen Bemerkungen genug angedeutet zu haben, 
worauf ich hinaus will, wohin meine Wünſche gehen. Meinen Haupt- 
wunſ< wiederhole ih zum Schluß mit den Worten, daß die Staats- 
regierung, wenn ſie nun einmal glaubt, daß die jungen Männer ſehr 
vielerlei wiſſen müſſen, von dieſem Glauben gegenüber der weiblichen 
Jugend ablaſſen möge, daß ſie möglichſt dafür ſorgt, daß wir kräftige, 
geſunde, friſme, <arakterfeſte und gemüthvolle Mädchen bekommen, 
nicht Blauſtrümpfe. (Bravo.) 
Präſident: Das Wort hat der Herr Regierung8kommiſſar. 
Regierungskommiſſar Geheimer Oberregierung3rath Dr. Schn ei- 
der: Meine Herren, im möchte zunächſt dem Herrn Vorredner für 
ſeine Ausführungen danken und ihm ausſprechen, daß ich mich ſpeziell
	        

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