Full text: Pädagogisches Archiv - 23.1881 (23)

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zuläſſig, ja erwünſcht erſcheint, ſo darf darum die Vorbildung Studierender 
do< nicht zur hauptſächlichen Lehrplan und Lehrbetrieb beſtimmenden Aufgabe 
werden. Denn überſehen dürfen wir nicht, daß hiermit ein Feld der Rivalität 
mit dem in den Augen der Nation angeſehener wie jemals daſtehenden Gym- 
naſium betreten wird, und daß bei dieſer Concurrenz, abgeſehen von den Aſpi- 
ranten für das mediciniſ<he und für das mathematiſch-naturwiſſenſc<haſtliche Fah, 
das Gymnaſium alle Ausſicht hat, die meiſt begünſtigien Köpfe in ſeiner Pflege 
zu behalten. Unſere Stärke aber liegt nicht in einem Felde, auf welchem wir 
mitgehen und folgen, ſondern in einem ſolhen, in welchem wir führen und 
vorangehen- Dies Gebiet aber, meine Herren, iſt und muß bleiben für die 
Realſchule die Aufgabe, eine auf den näheren Bedürfniſſen der Gegenwart 
beruhende, gleihwohl von wiſſenſchaftlihem Geiſte erfüllte Bildung an jol<he 
zu überliefern, die aus der Schule unmittelbar in das praktiſch thätige Leben 
übertreten. In Löſung dieſer Aufgabe muß die Realſchule an der Hand der 
ihr überwieſenen Unterrichtsfächer ſich dem Gymnaſium ho< überlegen, und 
dieſer Ueberlegenheit darf ſie ſic< ſtolz bewußt zeigen. Mit offenen Armen ins: 
beſondere darf und ſoll die Realſchule diejenigen Knaben empfangen, welche 
über die Grenze der Militärberehtigung hinaus den Weg höherer Studien nicht 
verfolgen wollen. In dieſem Punkte ſcheint mir, aufrichtig geſagt, eine Real- 
ſ<hulagitation heute am nöthigſten. Denn, meine Herren, verſchwiegen werden 
darf e8 auc< an einem Feſttage, wie der heutige, nicht, daß den lautredenden 
Zeugniſſen, die wir für die Trefflichkeit einer wiſſenſchaftlich erhöhten Bürger- 
ſ<ul-Bildung keine8wegs bloß in den ſchon gedachten Erfolgen junger Gelehrter, 
nein, ich darf wohl ſagen, in der heutigen induſtriellen und merkantilen Größe 
unſerer Provinz beſihen, deren Schöpfer größtentheils Schüler unſerer Bürger- 
ſ<ulen geweſen, =- daß dieſen lautredenden Zeugniſſen die Benußung nicht 
recht entſpricht, welche unſere Realſchulen in neueſter Zeit fanden. CS iſt That: 
ſache, daß, wenn auc< nicht in dieſer Stadt, jo do< in den anſehnlichſten 
Städten der Nachbarſchaft ſeit einigen Jahren die Hörſäle der Realſchulen ſich 
lichten, während in denen der Gymnaſien ſich gerade diejenigen Schülermengen 
ſtauten, die das Gymnaſium in 11/5 Jahrzehnten in immer wiederholten Klagen 
von ſic< abzulenken bemüht war, weil ſie die Verwirilihung ſeines Bildung3- 
ideale3 ihm augenfällig erſ<werten. Darf ich die Gründe dieſer, wie mir ſcheint, 
ungeſunden Zeiterſcheinung andeuten, ſo ſind es bald der Reiz der Neuheit, den 
das Gymnaſium im Induſtriegebiete gelegentlich noc< ausübt, bald der verzagte 
Ausblied, der inmitten des <roniſc<hen Darniederliegens von Handel und Zndu- 
ſirie auf Aemter und Aemtchen genommen wird, die, wie man glaubt, dem 
gymnaſialen Bildungsboden reichlicher entſprießen, bald und in großem Umfange 
ein ungeklärter Eindru> von der Vornehmheit des gymnaſialen Bildungsganges 
und von der Achtung, welche die vornehmſten Claſſen der Geſellſchaft für ihn 
hegen, endlich, und dies nicht ſelten, das mißverſtändliche, den Unterſchied zwiſchen 
Fragment und Ganzem überſehende Bekenntniß zu dem geflügelten Worte von 
ver univerſellen Geſchili<keit des Gymnaſialzöglings: =- alles Motive, die, 
ſo nichtig und ſo irrig ſie ſind, dennoM im Hinbli> auf ihre, den geſammten 
Sculzuſtand, am meiſten aber die Gymnaſien ſchädigenden Wirkungen, und 
im Hinbli> insbveſondere auf die Verkürzung, womit ſie die natürliche Aufgabe
	        

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