Full text: Pädagogisches Archiv - 29.1887 (29)

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nicht, möchte ich an dieſer Stelle etwa8 näher eingehen, um den Stand- 
punkt, welchen die Mehrzahl der Kommiſſionsmitglieder hierin einge- 
nommen hat, zu kennzeichnen, und um gleichzeitig die Bedenken derjenigen 
nach Möglichkeit zu entkräften, welche an der Anſicht feſthalten, daß es 
ohne Latein nicht gehe, alſo aus diejem Grunde die Ausſprüche der 
Kommiſſion ganz oder teilweife verwerfen. 
Die Mehrzahl der Kommiſſion3mitglieder geht von folgenden An- 
j<hauungen aus: 
1. diejemige Kenntnis der lateiniſcheu Sprache, welche das Gym- 
naſium gewährt, iſt nur einem kleinen Teile (10 bis 15 pCt.) 
der Schüler für ihren ſpäteren Beruf erforderlich ; für die große 
Mehrzahl, in8beſondere für alle, welche nach Erlangung des 
Beſähigung8nachweijes für den einjährigen Dienſt die Schule 
verlaſſen, iſt ſie geradezu wertlos; 
2, daß die Erlernung der lateiniſchen“ Sprache, wie ſtet8 hervor- 
gehoben wird, eine gute Geiſtesübung ſei, mag. zugegeben werden; 
allein ebenſo gewiß iſt eine gleich wirkſame Übung mit dem 
Erlernen Netterer wan zu erreichen; 
ſo, wie ihn das Gmain gewährt, eine veredelnde Wirkung 
- auf die Schüler ausübe, iſt eine ebenſo oft beſtrittene wie be- 
hauptete Redewendung, die fich bejonders eigentümlich im Munde 
derjenigen ausmmmt, welche dieſen Lateinunterricht genoſjen 
haben. Veredelnd wirkt jedes wiſſenſchaftliche Studium, ſofern es, 
frei von materiellen Zwecken, lediglich der Ausbildung des Geiſtes 
gewidmet iſt; wie der Gegenſtand des Lateinunterrichtes = 
Grammatik und römiſche Schriftſteller =- veredelnd wirken joll, 
iſt „unerfindlich. =- Das eifrige Beſtreben einiger Beruf3zweige 
(Ärzte, Baufach u. a. m.), das Latein, obgleich ſie da3ſelbe in 
Auzübung ihres Berufes wenig oder gar nicht gebrauchen, als 
Grundlage ihrer Schulbildung beizubehalten, entſpringt =-- ab- 
geſehen von der Gewöhnung vieler, das Althergebrachte als 
notwendig zu betrachten -- im weſentlichen aus materiellem 
Standesintereſſe und aus der Befürchtung, den Skand durch. 
das Ausſcheiden de8 Lateinunterrichtes in den Augen anderer 
zu erniedrigen. Man mag eben das Latein nicht aufgeben, ſo 
lange e8 als ein (rein äußerliches) Merkmal höherer Bildung
	        

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