Full text: Pädagogisches Archiv - 29.1887 (29)

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für ſich einen lehrreichen Beitrag zur Geſchichte der Lateinſrage in 
Deutſchland ; ſie ſind auch noc< in anderer Hinſicht intereſſant. Unter 
den feltjamen Gründen, welche die ängſtlichen Herren von der mediziniſchen 
Fakultät in Würzburg im Jahre 1786 für das Feſthalten am Alten, Her- 
gebrachten ins Treffen führen, begegnen wir einigen, welche heute noch, 
freilich in moderner Vermummung und mit veränderter Frontſtellung auch 
in der öffentlichen Diskuſſion in der Realſchulfrage ihr geſpenſterhaftes 
Unweſen forttreiben. I< empfehle daher gerade das Gutachten der 
mediziniſchen Fakultät zu beſonder8 anfmerkſamer Lektüre. Weitere Vor- 
bemerkungen und Zuſätze halte ich für überflüſſig. 
So fragte der Rektor M. der Univerſität Würzburg vor 100 Jahren: 
„ad IV legen hochdiejelben zur Uiberdenkung auf, ob e8 micht räthlich 
wäre, wenn alle collegia in deutſcher Sprache geleſen würden, indem es 
ſicher wäre, 
3) daß die Zuhörer alle3 beſſer faſſeten, 
b) der deutſche Vortrag erfordere zwar von Seite des Lehrers ge- 
nauere Beſtimmung der Gegenſtände und fleißigere Bearbeitung 
ſeiner Kollegien, indem manches in fließendem lateiniſchem Vor- 
trage ſchön klinge, welches ganz gemein ſeyn würde, wenn man 
es auf deutſch gäbe, 
c) verliere die lateiniſche Sprache offenbar bey dergleichen lateiniſchen 
Vorträgen, weil es unmöglich ſey, daß eine tode Sprache ganz 
correct und fließend geſprochen werde, welches bloß mit vieler 
Mühe bey dem Schreiben zu erwerben wäre ; 
d) im Fall dieſem Vorſchlag beygeſtimmt würde, jo käme e8 darauf 
an, bey welcher Fakultät ſolches einzuführen wäre ?" 
Und jo antworteten die Fakultäten : 
„Hier ſind bey Theologiſcher Fakultät die Meinungen getheilt : 
Mehrere halten dafür, daß die Theologie in allen ihren Fächern 
deutſch vorzutragen wäre; weil dieſe Wiſſenſchaften zur Bildung künftiger 
Volkslehrer jeyen, die ſich in allen ihren Verrichtungen der deutſchen 
Sprache bedienen müſſen und weil ſie ſich mit Religion8- und folglich 
Heil3wahrheiten abgebe, welche zunächſt und jo warm als möglich ins 
Herz gelegt werden müſſen, wogegen aber alle künſtlichen und ſc<hwehreren 
Methoden ein mer>liches Hinderniß wären. Aus dieſen erklärte Einer ſich 
noch dahin, daß, wenn ſich einer getraute durch Gebrauchung der la=- 
teiniſchen Sprache die nemliche Abſicht zu erreichen, ſo ſolle es ihm frei- 
ſtehen, ſich derſelben zu bedienen.
	        

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