Full text: Pädagogisches Archiv - 29.1887 (29)

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bildung für den weiten Bereich bürgerlicher Thätigkeit, welche darauf 
gerichtet iſt, die Kräfte der Natur dem Menſchen dienſtbar zu machen, 
ſowie Naturerzeugniſſe zu gewinnen, nußbar zu machen und in den Verkehr 
zu bringen; ſie beanſprucht, daß die von ihr gegebene Vorbildung gut 
und geeignet iſt für das Studiam des Berg- und Hüttenfachs und das 
des Forſtfachs, für den Poſt=-, den Telegraphen= und den Steuerdienſt ; 
wo aber liegt die Grenze zwiſchen den Gebieten, für welche fie geeignet, 
und denen, für welche fie ungeeignet iſt? Zweifellos iſt für das Studium 
der Medizin eine gewiſſe Kenntnis des Lateiniſchen als Hilf8mittel not- 
wendig, aber ebenſo zweifellos eine Schulung im Beobachten von Natur- 
erſcheinungen, im kritiſchen Kombinieren des Beobachteten und im mathe- 
matiſch durchleuchteten Herleiten von Schlüſſen. Wird es für den Ober- 
Realſchüler ſchwerer ſein, fich jene Kenntmi8 des Lateimſchen nachträglich 
zu erwerben, oder für den Schüler eines reinen Gymnaſiums, eines 
ſolchen, welches da38 Erbteil der klaſſiſchen Bildung der Nation erhalten 
und nicht allen alles jein will, dieſe naturwiſſenſchaftliche Schulung ? 
(E3 iſt, wir wiederholen es, ein öffentliches Intereſſe, daß die Ver- 
antwortung für die Berufswahl dem Wählenden ſelbſt überlaſſen bleibe, 
daß nicht wegen Mehrberechtigung aus äußeren Nüßlichkeit8gründen eine 
Schulgattung gewählt werde, welche der Begabung oder den Verhältmiſſen 
der Schüler nicht entſprechen. Wo nach Abſolvierung der Schule eine 
Studienrichtung gewählt wird, welche der Vorbildung micht entſpricht, da 
kann es füglich dem Betreffenden überlaſſen werden, fich die nötige Hilf8- 
kenntnmi8 zu erwerben ; Mittel dazu werden ſich an den Sißen der Hoch- 
ſchulen immer finden. Die Selbſtverantwortlichkeit wird beſſere Garantie 
bieten wie künſtliche Unterſcheidungen, wie 3. B. die in Bayern beſtehende, 
daß Abiturienten der „humaniſtiſchen“ Gymnaſien auf der techniſchen 
Hochſchule ein Jahr länger ſtudieren müſſen, als die Abiturienten der 
Real-Gymnmnaſien, um zu den Staatsdienſt-Prüfungen zugelaſſen zu werden. 
Die hier dargelegte Anſchauung ſteht nicht im Widerſpruche mit 
der beſcheidenen Bitte, welche den beiden Häuſern des Landtages von 
den Direktoren der preußiſchen Ober-Realſchulen vorgetragen iſt und zu 
deren Beurteilung und Begründung dieſe Denkſchrift Material beibringen 
will; die Petition erbittet nur die Herſtellung des Rechtszuſtandes, 
welcher bis zum 6. Juli 1886 beſtanden hat, und damit eine erſte und 
weſentliche Lebens8bedingung. Die Gleichberechtigung der verſchiedenen 
Bildungswege iſt ein ideale38 Ziel ; daß fie keine Utopie iſt, geht aus 
den obigen Mitteilungen über die Entwickelungen und Beſtrebungen in 
unſeren Nachbarſtaaten hervor. Wie viel Arbeit und Zeit auch noch er-
	        

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