Full text: Pädagogisches Archiv - 29.1887 (29)

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wie der Gerechtigkeit ſei, die beiden großen Hälften der Nation, die 
weibliche und die männliche Bevölkerung der gleichen geiſtigen Ausbil- 
dung zu unterwerfen. Schulpflicht nun beſteht für die weibliche Jugend 
natürlich innerhalb der Grenzen der Volksſchule, Studienrecht an der 
Univerſität ſeit 1870 für ſolche junge Mädchen, die an einer beliebigen 
höheren Lehranſtalt des Landes mit Erfolg die Reifeprüfung beſtanden 
haben. Private höhere Lehranſtalten für die weibliche Jugend ſind vom 
Staate mit allen erforderlichen Rechten ausgeſtattet worden, und bereits 
hat 3. B. die Wallinjche Mädchenſchule zu Sto>holm ſeit dem Jahre 
1874 nicht weniger als 52 Schülerinnen der Lateinlinie und 14 der 
Reallinie zur Univerſität entlaſſen. Jetzt aber verlangt man erſtens, 
daß der Staat den Grundſatz des unentgeltlichen Unterrichts von der 
Volksſchule und der Univerſität endlich auch auf das höhere Unterricht3- 
weſen der weiblichen Jugend übertrage, d. h. den weiblichen höheren 
Unterricht ſtaatlich organiſiere == und jchon iſt auf Veranlaſſung des 
Reichstag38 durch die königliche Regierung ein Ausſchuß behuſs Aus- 
führung von Vorarbeiten ernannt. Zweitens aber verlangt man, in Er- 
gänzung jener Forderung, daß der Staat, anſtatt neue Sonderſchulen zu 
errichten, den in Volksſchule und Univerſität erprobten Grundſaß der 
gemeinſchaftlichen Erziehung beider Geſchlechter nun auch für ſämtliche 
höhere Lehranſtalten durchführe; am 30. April d. I. ging in der zweiten 
Kammer ein =- mit einem ſolchen von der erſten Kammer angenommenen 
gleichlautender =- Antrag ohne Abſtimmung durch, welcher ein Geſuch 
an die königliche Regierung enthielt, dieſelbe möge einige Anſtalten ver 
ſuch8weiſe für gemeinſchaftlichen Unterricht beider Geſchlechter einrichten. *) 
Wenn ſo aber ſichtlich auf allen Gebieten des Unterrichts in Schwe- 
den ein überaus reges Leben herrſcht, ſo iſt das wohl zum mindeſten 
dem Umſtande zu danken, daß man dort zu allen Zeiten die Schul- 
jugend nicht bloß in die Hände der Lehrer und der Staats8aufſficht ge- 
geben, ſondern ſtet8 auch das volle Anrecht der Väter und ſonſtiger 
mitten in den Anforderungen des Lebens ſtehender Laien auf Mitwirkung 
und Einfluß bei der Erziehung der Jugend anerkennt und fie, zum Teil 
in den Ortsſchulräten, auch amtlich an der Schulaufſicht mitbeteiligt 
 
*) Der norwegiſche Storthing iſt in dieſer Sache ſhon einen Schritt weiter : 
Am 11. Mai d. I. beſchloß derſelbe mit 89 gegen 18 Stimmen, unter warmer 
Mitwirkung der Regierung und auf Grund bereits gewonnener Erfahrung 3 weitere 
höhere Lehranſtalten für gemeinſc<haftlichen Unterricht beider Geſchlechter errichten 
zu laſſen. -
	        

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