Full text: Pädagogisches Archiv - 29.1887 (29)

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Aufſaßes, der auf dem längſt geſchwundenen BildungSideal des 16. Jahr- 
hunderts beruht. In Württemberg hat man ſtatt desjelben Überſeßungen 
deutſcher Stücke in3 Lateiniſche und erzielt dadurch eine größere geiſtige 
Gymnaſtik. Der lateiniſche Auffaß muß fallen, und dadurch 
für wichtigere Teile des Unterrichts Zeit gewonnen werden. 
Der Unterricht in den klaſſiſchen Sprachen leidet ferner an einſeitig 
grammatiſch-formaliſtiſcher Methode, die archäologiſche Seite der 
Altertums8wiſſenſchaft wird vernachläſſigt. Die Philologen 
müſſen auch in Archäologie geprüft, und der archäologiſche Unterricht 
muß in das Gymnaſium eingeführt werden, natürlich aber nicht als be- 
ſonderer Gegenſtand, ſondern gelegentlich zur Abwechſelung und Erholung. 
Auch die Kenntni8 der modernen Zeit muß nicht durch die 
Sprache allein, ſondern auch durch Anſchauung gelehrt werden. Aus 
Zeitſchriften und Illuſtration8werken könnte ſich die Jugend leicht ein 
kulturhiſtoriſches Bilderbuch zuſammenſtellen, wenn man nur ihren Sammel- 
trieb darauf richtete. « 
Im mathematiſchen Unterricht darf die analytiſche Geometrie 
nicht fehlen; ſie iſt leichter als die ſphäriſche Trigonometrie und für 
jeden Gebildeten notwendig. Außer Chemie und Phyſik iſt im natur- 
wiſſenſchaftlichen Unterricht auch eine gewiſſe Einleitung in die Phyſio- 
logie jehr wünſchen3wert. 
Alle dieſe Forderungen ſind nur ausführbar, wenn die Vorbildung 
der Lehrer beſſer wird. BiSsher fehlt es faſt vollſtändig an päda- 
gogiſch er AusSbildung derſelben ; auch die pſychologiſche Grundlage der 
Pädagogik wird oft ganz vermißt. Nicht bloß Vorleſungen über Ge- 
ſchichte der Pädagogik, ſondern auch theoretiſche und praktiſche Vor- 
leſungen müſſen an den Univerſitäten gehalten werden. Dazu muß eine 
beſondere pädagogiſche Profeſſur eingerichtet werden; auch eine ausführ- 
lichere Prüfung der Kandidaten in der Pädagogik iſt notwendig. 
Oberlehrer Dr. Suchsland,. Daß die Knaben durch zu vieles 
Sehen abgeſtumpft werden, iſt in den mir gemachten Cntgegnungen nicht 
beſtritten. Dieſe Thatſache warnt vor der Übertreibung, vor dem Zuviel. 
Profeſſor Dr. Hering-Freiberg i. S. erklärt ſich für Bei- 
behaltung der analytiſchen Geometrie und der Stereometrie im Gym- 
naſium ; beide ſeien ſowohl zur Pflege der Anſchauung wie zur Vor- 
bereitung für die techniſchen Hochſchulen notwendig. Hornemann 
habe den Nußen des naturgeſchichtlichen Unterricht8 für die Pflege der 
Beobachtung hervorgehoben ; richtig ſei, daß Bilder die unmittelbare Be-
	        

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