Full text: Pädagogisches Archiv - 29.1887 (29)

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auf den Fortſchritt der ganzen Klaſſe hemmend einwirkende vis inertiaoe 
der nur unluſtig ſich ſo viel mit dem Griechiſchen beſchäftigenden Schüler 
außer acht gelaſſen, ſondern die Bedeutung gerade dieſer Sprache für 
die eigentlich gymnaſiale Bildung überhaupt verkannt, Das ideale Element 
derjelben wurzelt weſentlich im Griechiſchen ; e8 will aber, um eine ſeiner 
edlen Natur entſprechende Wirkung auf die geiſtige Entwickelung der 
Jugend zu haben, durch eine längere Reihe von Jahren de8 Schul- 
unterrichts in ruhiger Pflege, nicht mit der Haſt aparter, die kürzeſten 
Wege einſchlagender Lehrkünſte angeeignet ſein. Von dem, was privatim 
mit vorzüglich begabten und nach dieſer Geiſtesnahrung verlangenden 
Zünglingen ausnahmsweiſe erreicht werden kann, läßt ſich für volle 
Klaſſen öffentlicher Schulen keine Norm entnehmen. 
Wie ſehr die Ausführbarkeit des Plans auch von der Beſchaffung 
der erforderlichen größeren Zahl von Klaſſenlokalen, de3 größeren Lehr- 
und Aufſicht8perſonal8s u. a. m. abhängig iſt, ſcheint bei den obigen 
Vorſchlägen ebenfalls nicht erwogen zu ſein. Wenn in anderen das 
Griechiſche zu den fakultativen Lehrgegenſtänden geſtellt iſt, jo hat man 
dabei überſehen, daß dann dieje Sprache auch für die Schätzung der 
Jugend ungebührlich herabgeſetzt wird, und daß der übrige Sprachunter- 
richt in den Klaſſen, wo ein Teil der Schüler Kenntni8 vom Griecht- 
ſchen hat, ein anderer nicht, durch dieſe Verſchiedenheit außerordentlich 
erſchwert wird. 
Bei dem Beſtreben, an die Stelle des jezigen Nebeneinander von 
Gymnaſium und Realſchule eine Einheitsſchule zu ſetzen, wird offenbar 
die geſchichtliche Entwickelung des deutſchen höheren Schutwejens nicht 
hinlänglich gewürdigt, und ebenſowenig iſt auf diejenigen Zeichen der 
Zeit geachtet, denen für Schuleinrichtungen ein beſtimmender Einfluß zu- 
geſtanden werden muß, weil die Schule fich vom Volks8leben micht iſo- 
lieren kann und auch an ihrem Teile für dasſelbe bilden und erziehen 
ſoll. Dies geſchichtliche Werden iſt keine Willkür, ſondern folgt inneren 
Geſetzen ; e8 zieht fich durch die Jahrhunderte hin mt dem deutlich er- 
kennbaren Triebe, neben dem Prinzip de8 Beharren8 auch das der Be- 
wegung wirkſam zu machen und zur Geltung zu bringen; eines mcht 
ohne das andere. So entſtanden aus einfachen Anfängen gleichmäßiger 
Geſtalt im Laufe der Zeit die nach Art und Grad verſchiedenen Schulen. 
Und nachdem lange Zeit dem über das elementare Bedürfnis hinaus- 
gehenden Bildungsſtreben die beiden dem deutſchen Volk für ſeine Kul- 
turlaufbahn mitgegebenen alten Sprachen genügt hatten, mußte, als
	        

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