Full text: Pädagogisches Archiv - 29.1887 (29)

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einander liegenden Bildungskreiſe in ihrer natürlichen Sonderung zu er- 
halten hat. Dagegen iſt es nicht natürlich, die Gleichartigkeit, welche 
die Geſchichte innerhalb der großen Bildungskreiſe geſchaffen hat, durch 
parallele Schulen aufzuheben. Vielmehr müſſen alle Trennungen, welche 
durch parallele Bildung8wege entſtanden ſind, beſeitigt werden. Der 
Mittelſtand darf nur die höhere Bürgerſchule als ſeine Bildungöjtätte 
haben; am wichtigſten aber iſt die Herſtellung der inneren Einheit in 
dem höchſten der drei Bildungskreiſe ; denn von der allgemeinen Bildung 
der leitenden Stände, welche dem Umfange nach die aller übrigen mit 
umfaßt, hängt im weſentlichen die Einheit und die Höhe der nationalen 
Geſamtbildung ab. Die ganze Organiſation des Gymnaſiums iſt darauf 
angelegt, daß ihre Früchte in der Oberſekunda und Prima geerntet werden. 
Darum iſt jede Bi-oder Trifurkation, welche in den oberen 
Klaſſen das Intereſſe der Schüler in ſcharf geſchiedene 
Richtungen treibt, der Tod, nicht, wie man behauptet, 
die Vollendung der Einheitsſchule." 
Die höhere Einheit8ſchule (Gelehrtenſchule), die mittlere (Mittel- 
ſchule) und die niedere (Volks8ſchule) ſollen alſo ſtreng geſchieden neben 
einander beſtehen, damit wäre im weſentlichen der Zuſtand wieder her- 
geſtellt, welcher vor 50 Jahren beſtand. Zur weiteren Charakteriſtik der 
Vorlage ſei endlich noch bemerkt, daß die Mittelſchule (höhere Bürger- 
ſchule) in VI und V je 8 Stunden Latein haben, daß dagegen das 
Franzöſiſche erſt in IV beginnen ſoll. 
Den Grundgedanken, welcher ſich durch dieſe Forderungen hinzieht, 
halte ich nun für durchaus verkehrt. Wer foll beſtimmen, ob ein Vater 
zu den „Höüchſtgebildeten“ oder zu den „mittleren Ständen" gehört ? 
Soll ſchon bei der Anmeldung eine8 Knaben auf dem Stande3amte die 
Schule bezeichnet werden, welche derſelbe ſpäter zu beſuchen hat ? Feſt 
in ſich geſchloſſene Stände der Bildung gibt e8 nicht; im Gegenteil 
ſind die Grenzen ganz unbeſtimmt. Auf ſolchen Grundlagen, wie ſie die 
Vorlage ſich vorſtellt, wird überhaupt keine Schuleinrichtung von Beſtand 
aufgebaut. Wenn ein Knabe die betreffende Aufnahme- 
prüfung beſtehen kann, ſo ſteht dem Vater die Wahl der 
Schule vollſtändig frei. Daran wird keine Behörde etwas ändern 
können, aber auch nicht wollen. Jede andere VorauSsſezung muß zu 
unrichtigen Ergebmſſen führen. 
Wer Verbeſſerungen im Schulweſen vorſchlagen will, muß die that- 
ſächlich hervorgetretenen Mängel deutlich erkannt haben und dieſelben
	        

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