Full text: Pädagogisches Archiv - 29.1887 (29)

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hohem Grade zur Klärung der Anſichten beitragen, wie das höhere 
Schulweſen in der Jezktzeit zu geſtalten iſt. Eine ſolche Aufgabe kann 
eine Verſammlung wie die heutige freilich nicht löſen. Obgleich nun 
der Umfang des Begriffs „allgemeine Bildung“ keine3weg8 genau feſt- 
ſteht, fo glaube ich doch behaupten zu können, daß die Kenntnis des 
„Griechiſchen in dem angegebenen Umfange nicht ein unent- 
"behrlicher Beſtandteil der allgemeinen Bildung iſt, und 
ich ſehe einen Beweis für dieſe Behauptung in der Stellung, 
'welche das Griechiſche bis vor ſunſzig Jahren im Lehr- 
plane der höheren Schulen hatte. 
Der Geficht3punkt, nach dem man im Mittelalter die Unterrichts- 
gegenſtände auswählte , war derjenige der Brauchbarkeit derſelben im 
ſpäteren Leben und im Beruſe. An formale Bildung, allgemeine Bildung 2c. 
dachte niemand. In erſter Linie lernte man Latein, das die Stelle des 
Hochdeutſchen vertrat. Die griechiſchen Schriftſteller waren 
die Quelle der Sachkenntnis. Man lernte (nach Era3mus) Philo- 
ſophie aus Plato, Ariſtoteles, Theophraſtus und Plotinus, Theologie 
aus Origenes, Chryſoſtomus und Baſilius, Mythologie aus Homer, Erd- 
beſchreibung aus Pomponius Mela und Ptolemaeus, Göttergenealogie 
aus Heſiod, Aſtrologie aus Hyginus; aus anderen Griechen Landwirt- 
ſc<haft, Krieg3wejen, Baukunſt, Kochkunſt, Gemmenkunde, Votamk und 
Zoologie. =- Selbſt Melanchthon, der doch zugiebt, daß alle Eleganz 
und Anmut der lateiniſchen Sprache von den Griechen entlehnt ſei, ſieht 
in den klaſſiſchen Schriften Griechenland8 vor allen Dingen Fundgruben 
für Geſchichte, Mathematik und Naturwiſſenſchaften. Das wichtigſte Lehr- 
buch war Ariſtoteles, den man, weil ja der Inhalt die Hauptſache war, 
in lateiniſcher Überſezung las. Ganz folgerichtig verbannte auch Me- 
lanchthon in ſeinem kurfächſiſchen Lehrplane von 1528 das Griechiſche 
aus der Schule und ſchrieb jogar die Lektüre des Neuen Teſtament3 in 
lateiniſcher Sprache vor, um nicht die „armen Kinder mit jolcher Mannig- 
faltigkeit zu beſchweren, die mc<t allein unfruchtbar, jondern auch ſchäd- 
lich ift." 
| ? ena dieſelbe Anſicht vom Griechiſchen hatte Hieronymus Wolf. 
In ſeinen Augen hatte die griechiſche Sprache keinen ſelbſtändigen Wert, 
weder einen pädagogiſchen noch einen äſthetiſchen, ſie war ihm eben nur 
das Mittel, um zu der in den griechiſchen Schriften enthaltenen Sach- 
kenntnis zu gelangen, wie aus folgender ſehr <arakteriſtiſchen Äußerung 
hervorgeht. „Die Lateiner waren glücklich daran, daß fie nur Griechiſch
	        

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