Full text: Pädagogisches Archiv - 29.1887 (29)

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meintlichen Gewißheit, der Menſch könne gleichzeitig in mehr als einer 
Sprache denken. Dies iſt eine der ſ<hlimmſten Täuſchungen, die es gibt. 
Die Sprache iſt die Gedankenform, und jede Sprache hat ihre eigen=- 
tümliche Form der Gedanken. Wir denken in der Sprache, die uns am 
geläufigſten iſt, in anderen überſezen wir nur oder ſc<hwaßen wie ein 
abgerichteter Vogel, ſein es nun, daß wir im Lateiniſchen eine Nedensart 
an die andere ſchieben oder im Franzöſiſchen Säße drechſeln. 
Ob durch das jahrhundertelange Abquälen mit fremden Sprachen 
unſer Deutſch entartet iſt, muß ſich zeigen, wenn wir den Wortbeſtand 
und die Sazbildungen näher betrachten. 
Der Wortſchaß unſerer Sprache iſt durch Fremdwörter jo gräßlich 
verunreinigt, daß es kaum möglich ſein wird, ihm wieder zu dem alten 
Glanze zu verhelfen. Die Fremdwörternot iſt eine Seuche, an der wir 
unheilbar erkrankt find. Nicht de8halb, weil ſich eine Anzahl Fremd 
wörter bei uns nach und nach mit deutſcher Biegung ſeßhaft gemacht 
haben, wie Tafel, Tiſch, Teller, Fenſter, Brief, Schrift, jondern weil 
die Unmaſſe der nicht eingebürgerten Fremdwörter bereits eine arge Ver- 
wüſtung im Kerne der Sprache angerichtet hat. 
Woher rührt die Neigung, Fremdwörter zu ſuchen und zu ge- 
brauchen? Woher kommt es, daß der Deutſche für jede Erfindung und 
Verbeſſerung, die er macht und auf die er ſtolz iſt, ſogleich nach einem 
Fremdworte ſucht und zwar nach einem möglichſt fremden, etwa einem 
griechiſchen ? Was8 hat uns überſchüttet mit Teleſkopen, Mikroſkopen, 
Kaleidoſkopen, Photographien, Phonographen und Telegraphen, Tele- 
phonen und Velocipeden? E3 iſt die Eitelkeit, die Bequemlichkeit oder 
die abſichtliche Täuſchung! Die Schwäche de38 Deutſchen, alles, was er 
ſchafft, was er erfindet oder nachbildet, als Gelehrter zu erfinden oder 
nachzubilden, treibt zunächſt dieſe wunderlichen Blüten. E3 iſt eine bettel- 
hafte Großthuerei. Daher zeigt ſich die Sucht, neue Fremdwörter ein- 
zuführen, am deutlichſten bei Quaſalbern, die neue Pillen oder Haar- 
Erzeugungsmittel auf den Markt bringen, bei Modehändlern, die fremde 
Zeuge und Spitzen anpreiſen, und bei Speiſewirten, die ihre Fleiſchreſte 
an den Mann bringen wollen. 
So entnehme ich aus dem heutigen Tageblatte, wie ſich die Bezeich- 
nungen eben darbieten: konzentriertes Reſtitutions8-Fluid, transatlantiſche 
Pulver-Kombination, Rei8-Poudre, Comeſtique, Konfektionsſtoffe, Tuche- 
Croiſe. Es iſt ganz unmöglich, alle die fremdländiſchen Anpreiſungen 
der Waren, Geſchäfte und Gewerbe auch nur annähernd vollſtändig auf-
	        

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