Full text: Pädagogisches Archiv - 29.1887 (29)

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als früher; dem Unterricht der Mutterſprache und bejonder3 dem deut- 
ſchen Aufſaß wird in den Schulen eine größere Aufmerkjamkeit zuge- 
wandt, als früher. Die Aufſäße in fremden Sprachen ſind auf den 
Gymnaſien im Verſchwinden begriffen. Überſezungen aus lateiniſchen 
Klaſſikern ſollen nicht ſo eingerichtet werden, daß, wie das früher ge- 
ſchah, der Schüler ſich dabei ganz in die fremde Sprache und deren 
verwickeltes Saßgefüge hineinzuleben hatte, ſondern ſolche jollen vorzugs- 
weiſe dazu beſtimmt ſein, den Schüler zu veranlaſſen, ein ſchönes, freies, 
ſchwungvolles Deutſch zu liefern. Das Studium der Wiſſenſchaften auf 
deutſchen Hochſchulen iſt den deutſchen Lehr= und Lernbefliſjenen für eine 
beſtimmte Reihe von Jahren = die nicht auf ausländiſchen Schulen 
verbracht werden dürfen -= zur Pflicht gemacht. Die Sprache vor den 
Gerichten iſt die deutſche, die Verhandlung iſt eine mündliche und eine 
öffentliche. Die Entſcheidung ſtreitiger Rechtsfälle im bürgerlichen Leben 
wird in nächſtbevorſtehender Zeit nicht mehr nach römiſchen oder ſran- 
züöſiſchen Rechtsgrundſäßen =- wie biSher im größeren Teile von Deutſch- 
land ---, ſondern auf Grundlage eines einheitlichen allgemeinen deutſchen 
bürgerlichen Reich8geſezbuches erfolgen. 
Während ſich die vaterländiſche Dichtkunſt ſchon längſt der reinen 
volfstümlichen Sprachweiſe mit Liebe wieder zugewandt hat, iſt die 
Schrift- und Gelehrtenſprache, die Proſa, noch immer eine gemiſchte 
und ſtark von lateiniſchen und griechiſchen Spracheinflüſſen beherrſchte. 
Unſere Handelsſprache enthält dagegen noch ſehr viele italienijche Be- 
griffswörter, die Sprache des geſelligen und geſellſchaftlichen Verkehrs 
wimmelt noch von franzöſiſchen Sprachſtoffen. 
Die Akademien und Hochſchulen, als Erziehungsanſtalten der Ge- 
bildeten, die Handel3= und Gewerbekammern und kaufmänniſchen Vereine, 
al3 Vertreter des Handelsſtandes, wären hier diejenigen Anſtalten, welche 
neben den Staat8behörden auf die Sprache und deren Entwicklung reinigend 
und fortbildend wirken könnten, und es wäre ein gleiches Vorgehen nicht 
- minder auch zu wünſchen von allen Verwaltungsſtellen des Staates, welche 
Mitteilungen, Berichte, Schreiben, die von ihnen ausgehen, in reinem 
einfachen Deutſch abfaſſen und Eingaben, Vorſtellungen, Beſchwerden, 
Bittgeſuche, welche an ſie gerichtet ſind, zurückweiſen oder beanſtanden 
ſollten, wenn ſie, wie ſv häufig, in geſchraubtem, ſchwerverſtändlichem, 
von Fremdwörtern ſtrogendem, unklarem, ſchwülſtigem Deutſch oder in 
fremder Sprache geſchrieben wären. Allerdings ſetzte ein ſolches Ver- 
fahren voraus, daß die Bezeichnung der behördlichen Stellen und die
	        

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