Full text: Pädagogisches Archiv - 29.1887 (29)

--“ 632 = 
Im 14. Jahrhundert wurden die deutſchen Städte Träger und 
Fortbildner der Mutterſprache. Von dem erſtarkenden Bürgertume wur- 
den deutſche „Chromken“ geſchrieben. Die Zünfte mit ihrer kernhaften 
Sprachweiſe, die deutſchen „Singſchulen“, 1378 durch kaiſerliche Urkunde 
anerkannt, der jogenannte deutſche Meiſterſang, in Nürnberg vorzugs- 
weiſe gepflegt, trugen nicht wenig zur Fortbildung der Mutterſprache 
vder doh zu ihrer Befeſtigung im Mutterlande bei. Mit dieſer ihrer 
inneren ſelbſtändigen Entwicklung nahmen denn auch die deutſchen Städte 
allmählich die höchſte Machtſtellung, nicht bloß dem Reiche, ſondern auch 
dem Auslande gegenüber ein. 
Dazu brachte das Jahrhundert der Erfindungen und Entdeckungen 
(15.) die deutſche Buchdruckerkunſt, welche zu einer einheitlicheren Fort- 
entwicklung der deutſchen Sprache weſentliches beitrug, die Landesſprache 
erſt eigentlich zum geiſtigen Gemeingut der deutſchen Volksſtämme machte 
und eine größere Gleichmäßigkeit in der Schriftſprache erzielte. 
Das Zeitalter der Reformation (16. Jahrhundert) brachte, indem 
es fich gegen den fremdländiſchen Einfluß überhaupt richtete, die deutſch 
volkstümliche Glauben8- und „Überzeugungstreue“ betonte und damit 
vaterländiſchen Sinn wachrief, auch eine Neubelebung der Landesſprache 
und der Schrift durch Einführung der ſogenannten neuhochdeutſchen Sprach- 
und Schriftweije, die Sprache der ſogenannten oberſächſiſchen Gerichts- 
kanzleien. Sodann: nenhochdeutſche Kirchenlieder, neuhochdeutſche Pre- 
digten, neuhochdeutſche Überſezungen der Bibel und andere: endlich Grüns- 
dung deutſcher Hochſchulen. 
Wir können dieſe Zeit für die Geſchichte der Entwieklung der Mutter- 
ſprache als die bedeutendſte, als die erſte Blütezeit unſerer Sprache be- 
zeichnen; nachher kam auf den jungen Frühling ein herber Froſt und 
ſchüttelte am Stamme der Sprache manches Zweiglein wieder ab. 
Jedoch auch während dieſer ganzen Zeit, die großes nicht nur an- 
bahnen, jondern auch dauernd wirklich hätte leiſten können, erfolgte bei 
der Uneinigkeit der deutſchen Fürſten und der ſteten geiſtigen und leib- 
lichen Beunruhigung von Volk und Land nichts Fruchtbringendes, Segen3- 
reiches für Deutſchland; vor allem kein gemeinſames Fortſchreiten in 
der Sprache, da die katholiſchen Länder in der lateiniſchen Sprache, der 
Sprache, die ihren Glauben ſicherte oder doch ſichern ſollte, beharrten ; 
es war deShalb auch die lateiniſche Sprache dort die Sprache der Ge- 
lehrten und Gebildeten nach wie vor geblieben. Wa38 die „Mundart“ 
anbelangt, ſo hielten Bayern und Öſterreich, als katholiſche Länder, an
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.