Full text: Pädagogisches Archiv - 36.1894 (36)

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ſtellten allgemeinen Geſeßze in alle die Verzweigungen zu 
verfolgen, die ſie in den verſchiedenen Sprachen und Mund- 
arten erfahren haben, und die Ergebmſſe ſeiner Forſchungen ſeinen 
Zweden dienſtbar zu machen. Ihn intereſſiert demnach vorwiegend das 
einzelne in ſeiner beſonderen Verwendung innerhalb der Objekte, deren 
Studium er ſich widmet. ?) 
Den Ausgang3punkt dieſes Studiums bildet die phonetiſche Erfor- 
Ichung der lebenden Sprachen und Mundarten, da ſich nur an dieſen 
unmittelbar das Thatſächliche der Aus8ſprache der verſchiedenen Jdiome 
feſtſtellen läßt. Andererſeit8 muß der Sprachforſcher nicht bloß die Laute 
einer oder mehrerer Sprachen oder Mundarten kennen, die Verſchieden- 
heit der Eindrücke, die ſie auf das Ohr machen, feſtſtellen, ſie ordnen, 
die Art und Weiſe ihrer Verbindungen unterſuchen und ihr Vorhanden- 
jein oder ihr Fehlen in verſchiedenen Sprachen anmerken, ſondern er 
muß auch ihren zeitlichen Wandel ſtudieren. Es8 muß erklärt 
werden, wie die Laute, die in einer Sprache zu einer gewiſſen Zeit be- 
ſtanden haben, anderen verſchiedenen Lauten Pla gemacht haben, wie 
einige davon ganz verſchwunden ſind oder ſich nur in beſtimmten 
Stellungen behauptet haben; wie andere entſtanden ſind, um andere zu 
erſezen, wie eine Sprache, 3. B. die lateiniſche gegenüber dem daraus 
entſtandenen modernen Franzöſiſch, ihren Charakter gänzlich verändert 
hat.?) Die Phonetik wird dadurch eine hiſtoriſche Wiſſenſchaft, ein 
Zweig der Sprachforſchung. 
Die erſte Bedingung hierzu iſt die Kenntnis der lebenden Sprachen. 
Hierzu gehört das Verſtändnis der lebenden Sprache in Wort und Schrift, 
die Beherrſchung de8 mündlichen und de8 ſchriftlichen Au8- 
druc>8. Zur gründlichen Keyntni8 gehört eine genaue und korrekte Aus- 
ſprache, eine richtige Accentuation, was man gewöhnlich „Betonung“ 
nennt, nämlich daß man auf die rechte Silbe im Worte und im Saße 
den Nachdruck legt, und endlich der eigentliche Tonfall oder die nationale 
Modulation, was gewöhnlich und fälſchlich al8 „Accent“ bezeichnet wird. 
Dieſe Kenntnis vorausgeſeßt, darf ſich der phonetiſche Sprachforſcher 
in ſeinen Arbeiten nicht darauf beſchränfen, paper-phonetics zu treiben, 
d. h. aus Büchern zu ſtudieren, ſondern er muß auf Studienreiſen an 
Ort und Stelle den lebenden Fluß der Rede im Theater, in der Kirche, 
2?) Siever3 a. a. O. 
3) P. Passi. Lecon d'ouverture du cours de Phonetique deseriptive 
et historique faite 4 la Sorbonne, le 17 decembre 1891.
	        

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