Full text: Pädagogisches Archiv - 36.1894 (36)

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im Parlament, im Gerichtsſaal beobachten ; volk8tümliche, ungeſchriebene 
Mundarten und die Sprache der Kinder belauſchen. 
Die Phonetik hat ſich's zur Aufgabe geſetzt, nicht bloß zu beweiſen, 
daß eine erſchöpfende Behandlung der gegenwärtigen Erſcheinungen der 
geſprochenen Sprachen von ihrem eigenen Standpunkt ebenſo berechtigt 
ſei, und Anſpruch habe auf den Namen einer Wiſſenſchaft wie die blos 
hiſtoriſche Betrachtung, ſondern daß die gründliche Kenntni8 der modernen 
Sprachen die unerläßliche Vorbedingung einer gedeihlichen geſchichtlichen 
Betrachtung8weiſe ſei. Dieſe Anſichten und Forderungen reißen eine 
Kluft zwiſchen der neueren phonetiſchen Schule von Sprachſorſchern und 
denen der älteren, rein geſchichtlichen Richtung. 
Dieſer älteren Schule war natürlich die Lautforſchung nicht unbe= 
kannt, aber fie war allzu ſehr geneigt, die geſprochene Sprache als eine 
Entartung der Schriftſprache und die heutige Sprache als ein Produkt 
des „Verſall3“ der älteren anzujehen. Man vertiefte ſich alſo ein- 
ſeitig in das Studium älterer Sprachperioden und zergliederte, wie ſich 
Sweet ausdrückt, mit Vorliebe die verſchiedenen Häute, die die Sprache 
bei ihren Wandlungen abgeſtreift hat, und überſah dabei leicht, daß man 
die älteren Zuſtände einer Sprache nicht richtig beurteilen könne ohne 
eine gründliche Kenntni38 der geſprochenen Sprache der neueſten Zeit. Der 
Zuſammenhang zwiſchen einſt und jezt wurde alſo nicht hergeſtellt, und 
die ausſchließlich hiſtoriſche Schule des Philologen verdiente mit ihrer 
Geringſc<häßung und Vernachläſſigung der neueſten Phajen der Sprache 
ihren Namen gar nicht. Die ältere Schule beſchäftigte ſich ferner, ſtreng 
genommen, weniger mit den Lauten der älteren Sprache, als 
mit den Buchſtaben, wie ſie die geſchichtliche Schreibweije 
überlieferte. Ein Beiſpiel mag das zeigen. 
Der hiſtoriſche Sprachforſcher war geneigt zu ſagen, daß ſich das 
lateiniſche 6 in centrum im franzöſijchen cent, dem italieniſchen cento, 
im ſpaniſchen cieuto „erhalten“ habe, weil alle dieje Sprößlinge mit 
dem Buchſtaben 6 beginnen. Der phonetiſche Sprachforſcher mußte dagegen 
ſagen: das lateiniſche 6, das = Kk galt, hat fich im ſranzöſfijchen vor i 
und 6 in 8, im italieniſchen in t8ch, im ſpaniſchen in einen dem engli- 
ſchen tb ähnlichen Laut verwandelt nach dem phonetiſchen Geſetze 
des kleinſten Kraftaufwands8 (6conomie d'articulations). 
Die ältere Sprachforſchung war vornehmlich eine Buchgelehrſamkeit 
und in ihrer Lautforſchung von der hiſtoriſchen Orthographie abhängig. 
Freilich war dieſe Orthographie, als ſie fixiert wurde, für den damaligen
	        

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