Full text: Pädagogisches Archiv - 36.1894 (36)

Du 
Zuſtand der Sprache phonetiſch, oder hatte wenigſten3 die Abſicht, jedem 
Laut nur ein Zeichen zu geben. Das geſchah aber vor Jahrhunderten; 
die Ausſprache änderte ſich, die Orthographie blieb ſtarr. 
Daher entſtand zwiſchen beiden eine Kluft, und wir erfahren aus den 
Schriftwerken nicht, wie man franzöſiſch oder engliſch vor zwei- 
vder dreihundert Jahren ſprach, jondern lediglich, wie man 
es ſchrieb. Die geſprochene Sprache älterer Perioden wurde durch die 
Schreibweiſe verdunkelt, ſo daß die Erforſchung ihre8 Lautbeſtandes zu 
den ſchwierigſten, bi8her nur zum Teil gelöſten Aufgaben der neueren 
Philologie gehört, wie die Arbeiten von A. Ellis: „On Early English 
Pronunciation“), H. Sweet: „History of English Sounds“*), Techmer: 
„Beitrag zur Geſchichte der franzoſiſchen und engliſchen Phonetik und 
Phonologie“ *) u. a. beweiſen. 
Dieſe einſeitig hiſtoriſche Betrachtung8weiſe des Sprachleben8 ver- 
führte die Gelehrten zu einer Geringſchäzung der geſprochenen Sprache, 
des „Barlieren3“. Nur die gemäßigten Vertreter dieſer Nichtung ge- 
ſtanden der Kenntnis der geſprochenen Sprache eine gründliche geſchicht- 
liche Betrachtung ausſchließt, ſo iſt e8 auch für die Sprachforſcher unent- 
behrlich. So aber waren und ſind manche Gelehrte gründliche Kenner 
der altengliſchen oder der altfranzöſiſchen Schriftſprache, während ſie die 
neueren Sprachen nur oberflächlich kennen, was wieder auf ihre For- 
ſchungen einen üblen Einfluß übt. Die älteren Zuſtände der Sprache 
erhalten aber ihren rechten Wert und ihre richtige Beleuchtung erſt 
dadurch, daß ſie in unmittelbare Beziehung mit der heutigen Sprache 
geſeßt werden, dem natürlichen Standpunkt de3 Lehrenden und des 
Lernenden. So hat 3z. B. Herr Sweet in ſeinem „Second Middle 
English Primer“ (Oxford, 1892) in phonetiſchen Transſkriptionen die 
Sprache Chaucer8 als eine geſprochene Sprache behandelt, indem er ſie 
in der echten Lautgeſtalt bietet. Dieſelbe Forderung ſtellt bezüglich 
des Angelſächſiſchen Charles F. Richardjon am Dartmouth College 
(Hannover N. H.). *) 
Die Einſezung der geſprochenen Sprache in ihr lange beſtrittene3 
Recht führt natürlich auch eine Wertſchäßung der verſchiedenen Sprachen 
1) London 1869 ff. 5 Bde. 
?) Oxford 1888. 
3) Internat. Zeitſchr. f. allg. Sprachwiſſenſchaft, IV. 
14) In der neuen Zeitſchrift „School and College“ vol. 1.
	        

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