Full text: Pädagogisches Archiv - 36.1894 (36)

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mit Raum- und Zahlenvorſtellungen gar keine Beziehung haben, 3. B. 
in der Theologie, Rechtswiſſenſchaft und Philologie. 
Jedoch auch die Anhänger der Lehre von der formalen Bildung (in 
dem angedeuteten Sinne) können und ſollten ſich unjeren Reformbe- 
mühungen anſchließen. Für die angebliche formale Bildung iſt e8 ja 
ganz einerlei, ob ſie an reinen Phantaſiegebilden gewonnen wird, oder 
an mathematiſchen Vorſtellungen, die der Wirklichkeit entnommen ſind ; 
wenn es nur Mathematik iſt. Die auf den mathematiſchen Unterricht 
zu verwendende Zeit und geiſtige Kraft ſoll ja in keiner Weije beſchränkt 
werden, aljo wird auch das Ergebms für die formale Bildung dasſelbe 
bleiben. Bei der Befolgung unſerer Reformvorſchläge würde man dann 
gleichzeitig 2 Ziele im Ange haben: das alte, nicht mathematiſche (die 
formale Bildung für nicht mathematiſchen Denkſtoff) und das neue, 
mathematiſche Ziel. In jedem Falle, mag man für oder gegen 
die Hypotheſe von der formalen Bildung jein, wird auf 
dem neuen Wege mehr erreicht al8 auf dem alten. 
Es müſſen daher erſtens die Beiſpiele jowohl beim Unterricht von 
Obertertia an aufwärt8 als bei den ſchriftlichen Prüfungen möglichſt 
der angewandten Mathematik entnommen werden. Zweitens müſſen 
ſie möglichſt ihren Größenverhältmſjen und jonſtigen Umſtänden nach in 
der Wirklichkeit vorkommen können, z. B. bei Aufgaben über die Steig- 
höhe eine8 Luftballons. Drittens8 müſſen die Aufgaben möglichſt ſich 
auf die den Gebildeten am nächſten liegenden Vertreter des betreffenden 
Gebietes beziehen; 3. B. iſt die trigonometriſche Aufgabe über die Weſer- 
mündung allen gleichartigen Aufgaben über außerdeutiche oder gar außer- 
europäiſche Einfahrt8zeichen von Flüſſen vorzuziehen. Viertens müſſen 
die Aufgaben möglichſt konkret jein. Daher iſt bei der Aufgabe aus der 
ſphärijchen Trigonometrie der Tag der Beobachtung angegeben und bei 
der erſten plammetrijſchen ein beſtimmtes berühmtes Fernrohr. Die 4 
Forderungen ſind nach ihrer Wichtigkeit und Erfüllbarkeit geordnet: die 
Befolgung der erſten iſt am notwendigſten und am leichteſten, die der 
lezten iſt am ſchwerſten durc<zuführen, darum muß man auch am wenigſten 
Gewicht darauf legen. | 
Abſichtlich iſt bei allen 4 Forderungen jede8mal „möglichſt“ hinzu- 
geſeßt; denn fie ſtellen nur Ziele dar, denen zugeſtrebt werden muß, die 
man aber m<t immer ſämtlich gleichzeitig erreichen kann, teils weil man 
jonſt nicht genug Au8wahl von Aufgaben behält, teils weil die Auf- 
gaben jonjſt zu verwickelt werden. Aus letzterem Grunde iſt z. B. bei
	        

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