Full text: Pädagogisches Archiv - 36.1894 (36)

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„Die Wiſſenſchaft," ſagt der Phonetiker Lloyd, *?) „die fich bisher 
den Namen Phonetik angeeignet hat, iſt keine Wiſſenjchaft von den 
Lauten, ſondern von den Artikulationen geweſen. Der rechte Name dafür 
wäre „Lautmechanik“ geweſen, und dann wäre die Thatſache nicht lange 
verborgen geblieben, daß e8 eine Wiſſenſchaft der Sprachlaute noc< gar 
nicht gebe.“ 
Lloyd verſucht, dieje Lücke auszufüllen, indem er die Arbeiten von 
Helmholß fortſezt. Sein Streben geht dahin, die beiden phoneti- 
ſc<en Schulen, die organiſche und die akuſtiſche, zu ver- 
einigen und die lezten Urſachen der Vokalbildung experi- 
mentell feſtzuſtellen. Hierbei knüpft er an Bell8 Nachweis an, 
daß die Vokale durch mindeſtens zwei Reſonanzen oder Eigentöne be- 
ſtimmt werden. Dieſe ſind die des. vorderen Mundkanal3 ( „Hal3 der 
Flaſche") und die der inneren Mundhöhle („Bauch der Flaſche“). Dieſe 
beiden Räume ſind durch die gehobene Zunge getrennt. Lloyd ſtellt alſo 
eine Vorrichtung her, die die Hauptbedingungen der Erzeugung der Vokale 
erfüllt, ohne die Beobachtung zu hindern. Dies iſt eine cylindriſche 
Jlaſche mit einem 44 mm dicken Pfropf, worin Röhren von verſchiedener 
Dicke luftdicht eingeführt werden. Dieſe Röhren ſind mit kleingeſtoßenen 
Glasſcherben gefüllt und ſtellen den „Hals der Flaſche“ und die Stimm- 
riße vor. Durch Anblaſen erhält nun Lloyd eine ganze zujammen- 
hängende Reihe von Vokalen, die fich den gewöhnlichen geflüſterten 
Vokalen nähern. Aber leider iſt man nicht überzeugt, daß die ſo er- 
zeugten Vokale mit den wirklichen ganz identiſch find. Storm nennt 
diejen Verfuch „Zukunft8phonetik“. So lange es nicht gelingt, einen 
Apparat herzuſtellen, der ein ganz treues Abbild der menſchlichen Sprach- 
vrgane darſtellt und doch eine Beobachtung zuläßt, werden dieje Fragen 
nicht befriedigend gelöſt werden können. Die Phonetik hätte alſo in 
100 Jahren eine Kreislinie durchlaufen, die zu dem Problem des alten 
Kempelen, *?) der Sprechmaſchine, zurückführt. 
Auch die Kombination der Laute zu Silben, Wörtern und Säßen, 
die Lehre von der Quantität und dem Accent, beſonder3 in der franzöſi- 
ſchen Sprache, bieten noch viele bi8her ungelöſte Fragen, obwohl auch 
auf dieſem Gebiet hervorragende Ergebniſſe zu verzeichnen ſind. *) Auch 
 
3 Speech Sounds etc. in Vietor3 „Phonet. Studien“. 111], ff. 
eßanismus der menſchlichen Sprache. Wien, 1791. 
; Panl Passy: Les Sons du Francais. Paris, 1887. Er. Wulff: 
Nagra ord om Akgent etc. Christiania, 1 Franz Beyer: „Da5 Laut- 
ſyſtem des Neufranzöſiſchen“. Cöthen, 1887. „Franzöſiſche Phonetik“, ib. 1888. 
Storm a. a. O. und mehrere Monographien in Vietors „Phonet. Studien“.
	        

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