Full text: Pädagogisches Archiv - 36.1894 (36)

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verwidkelter, mannigfaltiger und immer wechſelnd, da der Redende 
unbewußt, ſeiner augenblicklichen Stimmung gemäß, fortwährend die 
Tonart ändert. 
Man wird den Charakter der ſprachlichen Muſik kaum vollſtändig 
ergründen können ohne Hilfe des Phonographen oder ähnlicher Inſtru- 
mente, die die Tongleitungen vollſtändig darſtellen, meſſen und regiſtrieren. 
Eine „vergleichende Sprachmelodik“" gehört alſo zu den 
wichtigſten und ſchwierigſten Aufgaben der Phonetik. Doch 
hat Storm in einem Exkur8 (S. 205 ff.) die Ergebniſſe ſehr feiner 
Beobachtungen über den franzöſiſchen, engliſchen, italieniſchen und ſpani- 
jchen Tonfall, litamſche und lettiſche, ſerbiſch-kroatiſche und <ineſiſche 
Töne mitgeteilt und in gewöhnlicher Notenſchrift niedergeſchrieben. 
(C3 ſoll die Phonetik nicht bloß der vein wiſſenſchaft- 
lichen Sprachforſchung dienen, ſondern auch Lehrer bilden. 
Man kann der älteren Schule den Vorwurf nicht erſparen, daß ſie dem 
zukünftigen Lehrer der neueren Sprachen durch Bevorzugung des rein 
geſchichtlich-grammatiſchen Studiums der Sprache oft eine unpraktiſche, 
vom Ziele abführende Wiſſenſchaft aufgezwungen hat, die ihm die An- 
eignung und das Verſtändnis der gegenwärtigen Sprache nicht erleichtern 
konnte. Infolge der oben beleuchteten, verkehrten Wertſchäzung der 
Sprachen fühlte fich der junge Doktor, der Schuljungen die heutige 
franzöſijche und engliſche Sprache beizubringen hatte, herabgeſeßt, abge- 
jehen davon, daß er ſie ſehr ſelten ſelbſt beherrſchte. Die neuere Richtung 
hat fich dagegen durch geeignete Vorleſungen an den Univerſitäten, durch 
Einflußnahme auf die Lehrerbildung und den Unterricht 
ein großes Verdienſt erworben. 
Das erſte Erfordernis jedes Sprachenſtudiums iſt die praktiſche An- 
eignung der geſprochenen Sprache. Da es aber nicht jedermann gegönnt 
iſt, in der Jugend, wo man eine fremde Sprache am leichteſten lernt, 
im Elternhauſe eine ausländiſche Gouvernante zu haben, ſo müſſen in 
den Schulen nur tüchtige Lehrer der neueren Sprachen wirken. Die 
Kandidaten müſſen an der Hochſchule unter Anleitung ihrer Lehrer ihr 
Gehör und ihre Zunge auf phonetiſchem Wege vielfach üben, um eine 
ſcharfe Beobachtung der Unterſchiede zwiſchen den heimiſchen und den 
fremden Lauten, eine gute Au3jprache und einige Fertigkeit im mündlichen 
und ſchriftlichen Au8druck zu erlangen. Erſt dann kann ein längerer 
Aufenthalt im Auslande nüßen.?) Es wäre nicht klug, damit 
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!) &. Th. Heigel, Aus drei Jahrhunderten. Wien 1881. S. 206.
	        

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