Full text: Pädagogisches Archiv - 36.1894 (36)

 
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glücklichen Schwaben, alſo Bern und Karl3ruhe gerade die 
Hälfte der vielen Stunden in Sachjen, die jv viel ſegen3reicher 
der Vorbereitung für das Leben zugewieſen werden könnten, Bern und 
Karlsruhe haben alſo genau ſo viel Stunden für Latein, 
wie Preußen und andere deutſche Staaten ſür Griechiſch. 
Das preußiſche Lehrziel im Griechiſchen iſt nun: Verſtändnis der 
bedeutenderen klaſſiſchen Schriftſteller der Griechen: Homer, Plato, Thuky- 
dide8, Demoſthenes, Sophokles. Wird es bei 36 wöchentlichen Stunden 
in ſechs Jahren erreicht =- und daran wollen wir nicht zweifeln -- ſo 
muß man in derſelben Zeit und mit derjelben Stundenzahl (36) daSſelbe 
Qehrziel im Lateiniſchen erreichen, d. h. Verſtändnis der klaſſiſchen 
Schriftſteller der Römer. Dies aber iſt das eine preußiſche Lehrziel 
auch im Lateiniſchen, obwohl neun Jahre mit 62 Stunden Latein ge- 
trieben wird. Das andere: ſprachlich logiſche Schulung, das für 
Griechiſch nicht gefordert wird, joll nun offenbar durch inten- 
jives Überſeßen ins Lateiniſche erzielt werden. Redner 
beſtritt die Zweckmäßigkeit dieſes Überſetßzens auf Grund 
ſeiner Erfahrungen ganz entſchieden. In den methodiſchen Be- 
merkungen der neuen preußiſchen Lehrpläne iſt zu lejen: „Obere Stufe: 
Die Texte für die häuslichen oder Klaſſenüberſezungen ins Lateiniſche 
hat in der Regel der Lehrer im Anſchluß an Gelejenes zu entwerfen. 
Sie find einfach zu halten und faſt nur als NRüdüberſjeßzungen 
ins Lateiniſche zu behandeln." 
Das iſt ſehr verſtändig und beachten3wert. Wenn aber in den 
oberen Klaſſen die Rücküberſeßung als das richtige angeſehen wird, 
jo muß ſie es in den unteren noch viel mehr jein. Sie genügt voll- 
ſtändig, um Sicherheit in den Formen herbeizuführen, und da bei der 
mündlichen Rücküberſezung viel mehr herauskommt, als bei der ſIchrift- 
lichen, ſo laſſe man ruhig alle ſchriftlichen Überſeßungen und Exerzitien 
weg und, wenn die Formenlehre abjolviert und zum ſicheren Eigentume 
des Schüler8 geworden iſt, ſehe man auch von den Nücüberſegungen 
ab! Fort aus der Schule mit allem, wa3 uns nicht direkt 
hinführt zur Kenntnis der lateini)c<hen Sprache und Litte- 
ratur! Fort aus der Maturitätsprüfung mit der Überſeßung 
aus dem Deutſchen in3 Lateiniſche, damit nicht ein guter Teil 
der dieſer Sprache gewidmeten Zeit an das AusSwendiglernen dikleibiger 
Syntaxen vergeudet werde, die ſchließlich doch nur das Überſeßzen vom 
Deutſchen in8 Lateiniſche im Auge haben, den Schülern das unmittelbare
	        

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