Full text: Pädagogisches Archiv - 36.1894 (36)

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Man hört nun gewöhnlich jowohl von Laien wie von Fachleuten, 
von Anhängern einer ſolchen Reform wie von ihren Gegnern die Anſicht 
äußern, daß dieſer Plan etwas durchaus Modernes jei, eine Erfindung 
unſeres ebenſo eifrig und einſeitig geprieſenen wie geſcholtenen Zeitgeiſtes. 
Dem iſt nicht ſo; der Gedanke iſt vielmehr jhon recht alt. Dieſer 
Sachverhalt mag manchen von denen, die über dieſe Frage geredet und 
geſchrieben haben, bekannt geweſen ſein; *) aber nirgend iſt meines Wiſſens 
bei ſolchen Erörterungen auf den Mann hingewieſen worden, dem hierin 
die Erſtlingſchaft zukommt. Und doch iſt es kein geringerer als Johann 
Amos Comenius. Die Schulordnung, die er in ſeiner großen Unterrichts- 
lehre entwirft, ſtimmt in weſentlichen Punkten mit dem Lehrplane überein, 
der in Deutſchland zuerſt an dem Realgymnaſium in Altona eingeführt 
worden iſt, und der in au8gedehnterem Maße augenblicklich an mehreren 
höheren Schulen in Frankfurt a. M. die Probe zu beſtehen hat. 
Die Grundzüge dieſes neueren Reformverſuches ſind in Kürze 
folgende: *?) 
In den drei unteren Klaſſen der höheren Schulen wird nur eine 
fremde Sprache und zwar eine neuere, die franzöſiſche, gelehrt. Auf 
dieſe Weiſe wird ein gemeinſamer Unterricht8gang für die drei unteren 
Klaſſen jämtlicher höheren Schulen hergeſtellt. Die ſechs erſten Schul- 
jahre des Knaben, vom ſechſten bis zum zwölften Lebensjahre, ſind den 
Dingen gewidmet, die ihm durch die Anſchauung nahe liegen, und deren 
Anwendung ſich auf das ganze Leben erſtreckt. *) 
Der Unterricht im Lateiniſchen, und damit der eigentliche Gymnaſial- 
kurjus beginnt erſt nach vollendetem zwölften Leben3jahre. Zwei Jahre, 
die Klaſſen Unter= und Obertertia, ſind vornehmlich der Aneignung des 
Lateiniſchen gewidmet, das in wöchentlich 10 Stunden gelehrt wird. 
Danach, alſo nach vollendetem vierzehnten Leben8jahre, beginnt im 
Gymnaſium das Griechiſche, das vier Jahre hindurc<g in wöchentlich 
8 Stunden getrieben wird. 
Man wird verſuchen, einen inneren Zuſammenhang zwiſchen den 
ſremden Sprachen, die gelehrt werden, herzuſtellen, ſo daß das Franzöſiſche 
| 1) Der Schreiber dieſer Zeilen bekennt, daß er dur< die Anregung eines 
hieſigen Lehrer3, des Herrn Philipp Zimmermann, veranlaßt worden iſt, die große 
Unterrichtölehre des Comenius auf den bezeichneten Geſichtöpunkt hin durchzu- 
arbeiten. 
2) Näheres wolle man in dem Schrift<hen des Verfaſſers „Die Frankfurter 
Lehrpläne,“ bei Moritz Dieſterweg, nachleſen. 
3) Frankfurter Lehrpläne S. 22.
	        

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