Full text: Pädagogisches Archiv - 36.1894 (36)

- 327 - 
„Jede Sprache," ſagt er Kap. 22 8 11 ff. "), „muß mehr durch 
den Gebrauch als durch Regeln gelernt werden, das iſt, durch Hören, 
Leſen, Wiederleſen und durch möglichſt häufige mündliche und ſchriftliche 
Nachahmungsverjuche. 
„Doch ſollen die Regeln den Gebrauch ſtüßen und befeſtigen. Das 
gilt beſonder8 von den gelehrten Sprachen, die wir aus Büchern ſchöpfen 
müſſen, aber auch von den Umgangsſprachen; denn auch die italieniſche, 
franzöſiſche, deutſche, böhmiſche, ungariſche können in Regeln gefaßt 
werden, wie dies bereits geſchehen iſt. 
„Die Sprachregeln ſollen grammatiſch, nicht philoſophiſch ſeim. Das 
iſt, ſie ſollen nicht ſcharfſinnig nach Begründung und Urjprung von 
Worten, Ausdrü>ken und Konſtruktionen forſchen, warum es ſich ſo oder 
ſo notwendig habe geſtalten müſſen, ſondern ſie ſollen einfach darlegen, 
was vorkommt und wie e8 vorkommt. Jene ſcharffinmnge Erwärmung 
der Gründe und inneren Verknüpfung, de8 Regelmäßigen und Unregel- 
mäßigen, das ſich in den Dingen und Worten findet, geht den Philo- 
jſophen an und hält den Lernenden nur auf. 
„Die bereit8 gelernte Sprache muß die Nichtſchnur bilden für die 
Feſtſezung der Regeln einer neuen Sprache, ſodaß nur die Unterſcheidung 
zwiſchen dieſer und jener aufgezeigt wird. Denn die Wiederholung 
des Gemeinſamen iſt nicht nur unnüßb, ſondern ſogar ſchädlich, 
weil ſie den Geiſt dur< den Schein einer größeren Weitſchweiſig- 
keit und Abweichung, als thatſächlih vorhanden iſt, ſchre>t. 
ZB. B. braucht man in der griechiſchen Grammatik durchaus nicht die 
Begriffsbeſtimmungen des Nomen8, des Verbums, der Kaſus und Tempora 
zu wiederholen, oder ſyntaktiſche Regeln, die nicht8 Neues bringen, weil 
man da8 Verſtändnis hierfür vorausſezen kann. E3 ſollen aljo nur die 
Regeln aufgeſtellt werden, in denen das Griechiſche von dem bereits be- 
kannten Lateiniſchen abweicht. Dann wird man die griechijche Grammatik 
auf einige Blätter zuſammenziehen können, und e8 wird alles beſtimmter, 
leichter und feſter jein. 
„Die erſten Übungen in einer neuen Sprache müſſen an einem bereits 
bekannten Stoffe vorgenommen werden . . . . 
„Alle Sprachen können alſo nach derſelben Methode gelernt werden: 
nämlich durch den Gebrauch, durch Hinzufügung der leichteſten Regeln, 
 
1) Opera did. I p. 129.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.