Full text: Pädagogisches Archiv - 36.1894 (36)

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Privatleſen ſei Cäſar, Coriolan, Emilia Galotti oder Nathan zu 
überweiſen. 
Für Oberprima fordert Nedner daun neben den ebengenannten 
Stücken als Leſeſtoff in Proſa nicht nur Leſſings Laakoon und Hamburger 
Dramaturgie, ſondern vor allem die Proſa-Abhandlungen Schiller8. Er 
tritt jcharf der jekt jo allgemeinen Bevorzugung Leſſing3 entgegen, der, 
abgeſehen von allem Schönen, doch das Hauptgewicht nur auf die reale 
und techniſche Seite lege, während Schiller die unſerer Jugend jo nötige 
JIdeenfülle bringe und vor allen Dingen ihnen das Verſtändnis für den 
kategoriſchen Imperativ ernſter Sittlichkeit eröffne. Aus ſeiner Er- 
fahrung könne er mit voller Überzeugung ſagen, daß das Leſen der 
Proja-Abhandlungen Schiller8 weit mehr als die Leſſing8 das Intereſſe 
der Schüler erregt habe. 
Die Verjammlung dankt dem Direktor Evers durch lauten, lang- 
anhaltenden Beifall für den vortrefflichen Vortrag. 
Zn der darauf folgenden Beſprechung ſtimmte zunächſt Direktor 
Jäger den meiſten Ausführungen vollkommen zu und gab zu erwägen, 
ob nicht jc<on auf der Obertertia Gößz von Berlichingen geleſen werden 
könne. Dagegen konnte er fich nicht mit dem einverſtanden erklären, 
iwas über die Jungfrau von Orleans geſagt worden war, deren vomanti- 
Iher Inhalt ganz ungemein auf den Unterjekundaner wirke. Redner 
kam bei der Bejprechung des dramatiſchen Leſeſtoff8 überhaupt auf den 
Unfug zu reden, der jezt mit der Schematiſierung des Dramas, mit 
Zeichnungen an der Tafel u. |. w. getrieben werde. Der Beifall der 
Verſammlung zeigte, daß e8 hier in der That einen wunden Punkt des 
Unterrichts getroffen hatte. Sehr beifällig nahm Redner es auf, daß 
Nathan wieder gebührend gewürdigt worden ſei, der doch auf das ganze 
Geiſtesleben unſerer Nation einen großen Einfluß au8geübt habe. Beſonders 
aber beglükwünſchte er den Vortragenden, daß er den Mut beſeſſen habe, 
dem übertriebenen Kultus des Leſens der Proſaſtücke Leſſings entgegen=- 
zutreten. 
Man dürfe aber dem künſtleriſchen Zergliedern eines Dramas bis 
in die zarteſten Faſern nicht die großen Ideen, die Sache ſelbſt ver- 
geſſen. Ob ein Schüler eindringe in die Geſtalt, welche der Schilleriche 
Demetrius z. B. ſchließlich bekommen haben würde, ſei gleichgültig, wenn 
er nur den einen gewaltigen tragiſchen Gedanken faſſe, daß ein Menſch 
im guten Glauben an ſeinen Beruf eine ungeheuere Aufgabe beginne, 
Pädagogiſches Ar<iv. Band XXXVI (6), 1894, 23
	        

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