Full text: Pädagogisches Archiv - 36.1894 (36)

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werden, nicht auf die geſchriebene und geſehene. Ferner foll das 
Hochdeutſch nicht als etwas für ſich gelehrt werden, wie ein anderes 
Latein, ſondern im engſten Anſchluſſe an die in der Klaſſe vorfindliche 
Volk8jiprache oder Hau8ſprache. Da38 Herz des Lexikographen 
Hildebrand wendet ſich aber mehr dem Wortſ<atße zu, der Form und 
dem Gebrauche und der Deutung der Wörter. Lattmann dagegen geht 
viel weiter; er will, daß auch der grammatiſche Unterricht zu einem 
Sprechunterricht werde. 
Eine Schlägerei in der Zwiſchenpauſe, der Geburtstag der Schweſter 
eines Schüler8, eine Stadtgeſchichte, die Reſte von Pflanzen im Schul- 
zimmer, ein an der Wandtafel ſtehendes Exempel, der Text eine8 Liedes 
aus der Singſtunde u. ä. liefert ihm inhaltlichen Stoff für den deutſchen 
Unterricht und giebt ihm Gelegenheit zur Unterhaltung, zu Geſprächen 
mit den Schülern, damit ſie mitteilſam werden und auch den vorborgenſten 
Inhalt ihrer Seele unbefangen aufdecken. 
In ſolchen Geſprächen entwickelt Lattmann aus den Antworten der 
Knaben heraus ſehr gewandt die einzelnen Kaſus, das natürliche und 
das grammatiſche Geſchlecht, den Saß und ſeine Teile, die Deklination, 
die Konjugation u. |. w. 
Auf S. 54 ff. beſpricht der Verfaſſer die geſchichtliche Entwickelung 
und den Zweck des deutſchen Leſebuches. Seine eigentliche Aufgabe 
für den deutſchen Sprachunterricht iſt: 1. daß daran die äußerliche 
Fertigkeit de38 Leſen3 weiter zu üben fei; 2. daß die Schüler gewöhnt 
werden, mit Schrift und Laut immer auch ein volles Verſtändn1i3 
des Sinne38 zu verbinden; 3. daß ihnen eine gute, rein lautliche Au8- 
ſprache und dazu eine dem Sinne und Zuſammenhange nach ange- 
meſſene Betonung eingeübt werde ; 4. daß ſie mit den üblichen Formen 
der Schriftſprache bekannt gemacht und ihnen Muſter dargeboten 
werden, an denen ihre eigene Fertigkeit im ſchriftlichen Gebrauche der 
Sprache ſich ansbilden kann. 
Daher bieten einen entſprechenden Leſeſtoff: 1. Erzählungen, die 
dem Knaben aus den Vorſtellungen ſeines eigenen Lebenskreiſes heraus 
verſtändlich ſind; 2. Erzählungen und Schilderungen aus der Heimat; 
3. Erzählungen und Schilderungen aus dem der betreffenden Klaſſe zu- 
zuweiſenden Teile der vaterländiſchen Geſchichte. Späterhin, wenn die 
Schüler durch den geographiſchen und naturwiſjenſchaftlichen Unterricht 
ſchon in fremde Länder, und durch den ſprachlichen in ältere Zeiten und 
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