Full text: Pädagogisches Archiv - 36.1894 (36)

wickelung aller menſchlichen Anlagen Raum laſſe und Unterſtüßung biete; 
jo wird eine wahrhaft menſchliche Geſtalt oder Bildung herauskommen. 
Bildung bezeichnet alſo das neue ErziehungS3ideal: die 
natürliche, durch organiſche Entwickelung frei ſich bildende, 
alle Seiten de8 menſchlichen Weſen8 in geſunder Fülle 
zeigende, vollendete Menſchengeſtalt, im Gegenſatz zu der 
„verkrüppelten Geſtalt, die das Ergebni8 konventioneller 
Dreſſur iſt. In dieſem Sinne ſagt Fr. Schlegel einmal : „Das höchſte 
Gut und das allein Nüßliche iſt die Bildung" (Athenäum, 1, 9). 
Peſtalozzi trägt das Ideal freier, allgemein menſchlicher Bildung 
in die Volksſchule, Herder ſtellt es den Gelehrtenſchulen vor Augen. Er 
findet das Urbild ſolcher Bildung in den Alten, vorzüglich in den 
Griechen. Und das iſt nun der Ton, der uns aus zahlloſen Schriften 
jeder Gattung in dieſer Zeit entgegenklingt: freie und allſeitige Bildung 
des Menſchen iſt im alten Griechenland heimiſch, wie ſonſt nirgends; 
hier hat da8 menſchliche Weſen ſeine Jdee, die von der 
ſchöpferiſchen Natur beabſichtigte Geſtalt, wirklich erreicht. 
Sowohl die empfindende und denkende, als die ſittliche Seite de8 menſch- 
lichen Weſens finden wir hier in der vollendetſten Entfaltung. Der 
inneren Vollendung folgt aber die Schönheit, wie der Liebreiz der 
Jugend; und der Schönheit des Seelenlebens entſpricht ſeine Erſcheinung 
und Darſtellung in einem ſchönen, durch Zucht, Übung und Pflege 
vollendeten Leibe. Mit dem Namen Kalokagathia bezeichnen die Griechen 
jelbſt ihr Ideal menſchlicher Bildung: das Wort ſchließt Tüchtigkeit und 
Schönheit in einen Begriff zuſammen. 
Die ganze deutſche Litteratur um die Wende de8 Jahrhunderts iſt 
von dieſen Anſchauungen durchdrungen. Sie beherrſchen die neuhuma- 
mſtiſche Gymnaſialpädagogik, ſie bilden die ideelle Grundlage der großen 
Reform des höheren Schulweſens, die im erſten Viertel unſere8 Jahr- 
hundert8 in allen deutſchen Staaten, vor allem in Preußen unter der 
Führung W. v. Humboldts, des Freundes Schiller8 und F. A. Wolfs, 
durc<geführt wurde. Das Griechiſche, das vorher in den Gelehrten- 
jhulen nur die Stellung eines nebenſächlichen, für den Theologen aus 
beſtimmten Urſachen notwendigen Unterricht8gegenſtandes eingenommen 
hatte, wurde jezt zu einem weſentlichen und unerläßlichen Stück des 
Gymnaſialunterrichts. Ja ein Enthuſiaſt wie der jugendliche Paſſow 
ſtellte in allem Ernſt die Forderung, daß die ganze deutſche Jugend,
	        

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