Full text: Pädagogisches Archiv - 36.1894 (36)

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ſchiter macht. Was unter den gegebenen Umſtänden weder das eine 
noc< das andere leiſtet, iſt ihm weniger wert al8 nichts: „Was man 
nicht nüßt, iſt eine ſchwere Laſt,“ 
Zn der Wirklichkeit machen ſich widerſtrebende Tendenzen gegen die 
Forderung der Theorie geltend. Auf der einen Seite verwirft die demo- 
kratiſche Doktrin grundſäßlich die Rüdſicht auf die geſellſchaftlichen und 
Berufsunterſchiede, auf der anderen Seite pflegt ſozialariſtokratiſche Praxis 
gegen die Forderungen und Weigerungen der Natur überaus harthörig 
zu ſein. | 
Das alte Jdeal der Demokratie iſt: gleiche Erziehung, wenigſtens 
gleicher Schulunterricht für alle, ohne Unterſchied de8 Berufes und der 
wirtſchaftlichen Lebensſtellung. Gegenwärtig - hat ſich die Sozialdemo- 
kratie dieſe Forderung angeeignet ; ſie verſpricht ſich ſeine Erfüllung aller- 
dings erſt von der Aufhebung der Klaſſenunterſchiede ſelbſt und iſt ſo 
konjequent, zugleich die Berufsunterſchiede als künftig wegfallend anzu- 
ſehen: in der vollkommenen Geſelljihaft der Zukunft wird jeder zu allen 
Aufgaben geſchit fein und je nach „Bedarf auf Zeit verwendet werden, 
Das gilt in8beſondere auch von den bis8herigen Regierungs8berufen ; die 
Aufgabe der Leitung bedarf nicht beſonderer und beſonder8 vorgebildeter 
Perjonen, ſie wird -- ſo verſichern die Zukunftsphiloſophen =- bei allen 
der Reihe nach umgehen können, 
I< glaube nicht, daß die Zeit kommt, die dieſem Ideal Erfüllung 
bringt. Die Aufhebung der Berufsdifferenzierung könnte nicht ohne 
ſchwerſte Schädigung der Leiſtungsfähigkeit der Geſellſchaft geſchehen ; 
die erſtaunliche Kraft und Produktivität der geſellſchaftlich organiſierten 
Arbeit beruht eben darauf, daß die einzelnen zu differenzierten und 
ſpezifizierten Organen ausgebildet werden. Auch werden beruf8mäßige 
Leiter und Regicerer mit beſonderer techniſcher Vorbildung nicht ent- 
behrlich werden. Wa3 man als ein mögliches Ziel in8 Auge faſſen 
kann, das iſt: die Auwahl für den Beruf allein oder doch weſentlich 
von der natürlichen Begabung der einzelnen abhängig zu machen. Jeßt 
iſt ſie weſentlich abhängig von der geſellſchaftlichen Stellung der Eltern. 
Den bejienden Klaſſen fallen die leitenden Stellungen im wirt- 
Ichaftlichen Leben und die Regierung8berufe im Staat als erbliche Aus8- 
ſtattung zu, während die nichtbeſizenden von dem Wettbewerb thatſächlich 
jo gut wie ausgeſchloſſen ſind; ihnen iſt Handarbeit als erblicher Beruf 
zugewieſen. Und da8 hat denn zur Folge, daß die Forderungen der 
Natur nicht ſelten ſchwer gekränkt werden. Unfähige werden mit unend- 
Pädagogiſches Arhiv. Band XXXV1, (2). 1894. 6
	        

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