Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Der Unterricht in den neueren Sprachen an der Oberrealschule. 91 
prima der Miganthrope vielleicht neben Victor Hugo und, falls Zeit bleibt, 
den Reglisten der Mitte des vorigen Jahrhunders. Von Shakespeare gollten 
doch wohl wenigstens drei Stücke, darunter ein Lustspiel gelegen werden. 
Natürlich läßt aich der geschichtliche Gesichtspunkt bei der Auswahl dieger 
poetischen Lektüre nicht immer ganz streng durchführen, aber als Richt- 
gehnur gollte man ihn festhalten. Und daneben möchte noch etwas anderes 
berücksichtigt werden. Die neueren Sprachen stehen nicht für sich allein 
da, gie haben auf die übrigen Fächer Rücksicht zu nehmen, besonders auf 
das Deutsche. Wenn in der UI beim Streit der Schweizer mit Gottsched 
und bei Klopstock von Milton die Rede ist, wenn Lessing in der Drama- 
turgie gegen die franzöeische Tragödie zu Feld zieht, muß der Lehrer des 
Deutschen von dem Primaner der Oberrealschule erwarten, daß er 80wohl 
von Milton wie von den franzögichen Tragikern etwas gelesen hat und ebenso 
kann der Historiker, der am besten zugleich der Deutschlehrer an der Ober- 
realschule ist, fordern, daß Montesquieu, Rousseau, Mirabeau nicht nur 
Namen für ungere Schüler Sind. Das ist also der zweite Gegichtspunkt für 
die Auswabl: inwiefern haben die fremden Dichter und Schriftsteller auf 
das deutsche Geistesleben eingewirkt? . 
Natürlich ist nicht möglich, alle diese Schriftsteller in vollständigen Wer- 
ken vorzuführen. Wieviel von Shakespeare, wieviel von Molidre etwa gelesen 
werden gollte, habe ich schon angeführt. Bei Milton, Rousseau, Voltaire wird 
man wohl zur Chrestomathie greifen (die in genügender Zahl in der Schul- 
bibliothek vorbanden gein müßte), im ganzen gebe ich aber der Lektüre zu- 
gammenhängender Texte bei weitem den Vorzug; die Chrestomathie sollte nur 
ergänzend eintreten. Jedenfalls müsgen wir bei der Auswahl der Lektüre 
Strenge Selbstzucht üben, alles ausscheiden, was nur aus diegem oder jenem 
Grunde interesgant ist, alles abweisen, was abseits von unserem Ziele liegt, 
wie 2. B. Werke über die Eroberung Mexikos, die Entwicklung der Ver- 
einigten Staaten u. a. m.; denn ungere Zeit ist knapp. Danach glaube ich 
auch nicht, daß für philogophische Lektüre bei uns auf der Oberstufe viel 
Zeit übrig bleibt, obwohl ich persönlich ihr gehr geneigt bin!) und jedenfalls 
John Stuart Mill, on Liberty, Carlyle und Ruskin ebenso wie Montesquieu 
nicht aus dem Kanon der Prima verbannt gehen möchte. Freilich wird 
es da auch gehr auf den Lehrer ankommen, man kann ein vortrefflicher 
Lehrer auch für die Oberstufe gein, und diege Stoffe brauchen einem doch 
nicht zu liegen. -- 
Wird die neusprachliche Lektüre nach diesen Gesichtspunkten ausgewählt 
und geht die deutsche Lektüre ähnlich vor, dann werden wir auch an unse- 
ren Oberrealschulen einen Kanon von Schriftstellern aufweisen, der an 
innerem Gebalt und Bildungswert nach meiner Überzeugung dem keiner 
ungerer Schwesteranstalten nachsteht. - 
1) An der Oberrealschule in Bremen ist seit 1910 in UI und OI je eine Wochenstunde 
philosophischer Propädeutik eingeführt.
	        

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