Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
 
Die Stellung der englischen Univerzitäten zur Volksbildung. 103 
dert, daß die Studenten, falls eie nicht in einem College wohnten, in einer 
der für diese Zwecke genehmigten Wohnungen hausen mußten und daß 8ie 
einer besonderen Behörde unterstellt Seien. Als man 1853 Solche Vorschläge 
gemacht hatte, hatten viele Leute geglaubt, daß ihre Durchführung zu „De- 
moralisierung und Irreligiosität führen müßten, deren Ende gar nicht abzu- 
gehen gei“. Bs bedarf keiner Erwähnung, daß diese Folgen nicht eintraten. 
Hatte man doch in Cambridge wenigstens den „Undergraduates“ Schon geit 
dem Ende des 18. Jahrhunderts erlaubt, außerhalb des College in besonders 
genehmigten Wohnungen zu hausen. 
Der Fortfall jener alten Beschränkungen war vom Sozialen Gegichts- 
punkt aus überaus wichtig. Denn das Leben in den Colleges war im 
Laufe der Zeit immer teurer geworden, 580 daß Leute mit bescheidenen 
Mitteln gar picht mehr daran denken konnten, in Oxford oder Cambridge 
zu gtudieren -- ganz zu Schweigen von den wirklich armen. Ursprünglich 
war dies ganz anders gewesgen. Über die allererste Zeit der Gegschichte der 
Univergität Oxford, die 1167 durch einen Auszug englischer Studenten aus 
Paris entstanden gsein soll, fehlen allerdings Nachrichten. Auch aus dem 
13. Jahrhundert, in welchem wir im Jahre 1214 zum ersten Male die Er- 
nennung eines Kanzlers finden, während ein Jahr vorher der König durch 
eine Verordnung an den Sheriff bestimmt batte, daß alle Studenten, die nicht 
unter einem regelrechten Magister (Master) Standen, auszuweisen Selen, WIiSSen 
wir nichts Rechtes über den sozialen Stand der Studenten. Indessen sind 
Schon aus dew 14. Jahrhundert manche Stiftungsurkunden vorhanden, die 
deutlich beweisen, daß damals auch arme Studenten die Univerzitäten be- 
guchten und besuchen Sollten. 
In der großen Mehrzahl jener Stiftungs urkunden werden die Pergonen, 
die Stipendien erbalten gollen, als „arm“ und „bedürftig“ oder als „arme 
Männer, die von Almosen leben (pauperes ex eleemosyna viventes)“ bezeich- 
net. In den meisten Fällen war ihnen die Verpflichtung auferlegt, zu schwören, 
daß gie nicht mehr als ein ganz bestimmtes Einkommen besäßen. So be- 
Stimmte z. B. William of Wykeham 1386, als er das New College gründete, 
daß außer geinen Verwandten auch zuzulasgen geien „arme bedürftige Leute, 
die legen können (Clerks)“, weil Christus in geinen Barmherzigkeitswerken 
den Menschen befohlen habe, „die Armen in ihre Häuger aufzunehmen und 
die Bedürftigen freundlich zu unterstützen“. Im Queens und im New College 
war den Fellows verboten, Hunde zu halten, weil „es für die Armen, na- 
mentlich für diejenigen, die von Almosen leben, nicht schicklich sei, Hunden 
das Brot der Menschenkinder zu geben“. Auch ergibt gich -- selbst bei 
Berücksichtigung des verschiedenen Wertes des Geldes damals und beute --, 
daß die Summen, die den Studenten für ihren täglichen Nahrungsbedarf zu- 
flosgen, außerordentlich gering waren. Endlich wisgen wir, daß ein mäßiges 
und begeheidenes Leben nicht nur als Vorschrift galt, sondern auch wirklich 
durchgeführt wurde.
	        

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