Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Zweiter deutscher Kongreß für Jugendbildung und Jugendkunde zu München. 153 
Forderungen ist: Selbsttätigkeit, Anschauung, Konzentration. Schade, daß 
die Vertreter der Arbeitsschulidee ursprünglich das Manuelle zu stark betonten, 
zu wenig Rücksicht nahmen auf den Unterschied der Seelischen Entwick- 
lungsstufen und den besonderen Charakter der höheren Schule! Schade, daß 
jener zweideutige Begriff noch heute 80 oft zu eingeitiger Auffassung oder 
völliger Unklarkeit führt und 80 von vornherein in weiten Kreigen eine ge- 
wisse Skepsis erzeugt! 
Die Forderung der Freiheit. 
Die Forderung der Freiheit wurde in München nicht nur in jenem beson- 
deren Sinn der „Bewegungsfreiheit“ aufgestellt, sondern auch als allgemeine 
Forderung für den Geist der deutschen Schulen überhaupt. Auch hier ist 
der Einfluß jener formalen und jener psychologischen Tendenz zu gspüren, 
und Freiheit ist ja heute das Losungswort in der großen Welt da draußen. 
Kerschensteiner z.B. verlangt wegen der Ausbildung der aktiven Willens- 
richtungen größere Freiheit im Schulbetrieb und gleichzeitig besondere Er- 
ziehungseinrichtungen für die deutschen Schulen. In der Praxis wird man 
oft auf außerordentliche Schwierigkeiten stoßen, 80 bei der Erziehung zur 
Selbständigkeit durch Einrichtungen der Selbstverwaltung. Das kann nicht 
hindern, in dieser Beziehung immer neue Versuche zu unternehmen, gerade 
an den höheren Schulen. Weniger gemäßigt als bei Kerschensteiner tritt die 
Forderung der Freiheit bei Oberrealschuldirektor Dr. K. Wehrmann auf. 
Nach ihm soll die Organigation der einzelnen Schule bis auf die Stunden 
zahl der Fächer einem Zufallsdirektorat, einem Zufallskollegium überlaggen 
bleiben! Der Lernzwang soll auf der Oberstufe aufhören! Wo bleibt da die 
psychologische Kenntnis des Schülers? „Wer nicht freiwillig mittut, goll 
gehen!“ gagt W. Gut! Wenn er nun aber bleibt? Muß dann nicht gofort 
der Lernzwang eintreten? Weiter gagt W. mit der Miene tiefster Gering- 
Schätzung: „Weg mit der landläufigen Auffasgung, als wenn fehlerfreie Ex- 
temporalien, richtig gelöste mathematische Aufgaben, gut disponierte deutsche 
Aufsätze, Sicheres prägentes und abfragbares Wissen gute Leistungen von 
Schulen wären; das ist der Standpunkt der Revisoren und Aufsichtsbeamten.“ 
Ganz gewiß, es ist nicht das einzige, wohl auch nicht das höchste Kriterium 
für die Leistungen eines Schülers, einer Schule. Nur möchte ich wisgen, 
wie der einzelne Lehrer und ein Lehrerkollegium einigermaßen gichere Ur- 
teile über einen Schüler und geine Reife bekommen wollen, wie gie beispiels- 
weise ohne nachweisbare schlechte Leistungen einen läsgigen und unfähigen 
Schüler zum nochmaligen Beguch einer Klasse oder zum Austritt aus der 
Schule zwingen können. Ich möchte weiter wissen, wie der Durcbschnitt 
80 freiheitlich erzogener Schüler dem Leben gegenüberstehen, wie er be- 
Stehen wird, wenn der Beruf verlangt, zu ganz bestimmter Zeit und in 
ganz bestimmter Zeit auf Grund der erlangten Bildung eine Berufsaufgabe
	        

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