Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

168 Gymnasium und Lehrerseminar nicht gleichartig, nicht gleichwertig usw. 
die Gegenwart aus der Vergangenheit zu begreifen. Der Unterricht soll 
also, wie es in den Vorgschriften für die höheren Knabenschulen heißt, den 
geschichtlichen Sinn wecken. Quellengammlungen und Werke neuerer Ge- 
Schichtsschreiber werden gelegen. 
Wie man Sieht, herrscht auf dem Seminar kein bloßes Lernen und Ab- 
richten, keine bloße Überlieferung von Kenntnissen. Der Unterricht nimmt 
vielmehr wissenschaftlichen Geist in sich auf, wird „propädeutisch wisgen- 
gchaftlich“. Und 8o hat er die formale Bildung zum Ziel, die Paulsen als 
die „Bildung und Gewöhnung der geistigen Kräfte zu wisgenschaftlicher 
Arbeit, d. h. zu relativ gelbständigem Untersuchen, Prüfen, Erarbeiten von 
Erkenntnisgen“, definiert. Und auch materiell geht die Bildung weit über 
das hinaus, was der Lehrer später gelbst unterrichten wird; er will vielmehr 
die Lebrer zu gebildeten und gselbständigen Männern machen.!) 
Wir wenden uns nun zu der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer- 
gruppe, der wir auch die Geographie zurechnen. 
In der Mathematik hat das Seminar 25, das Gymnasium 22 Stunden. 
Dennoch bleibt ersteres zurück. Das liegt daran, daß in der untersten Prä- 
parandenklasse der Lehrstoff der Oberstufe der Volksschule erst durch-. 
gearbeitet und wiederholt wird. So kommt es, daß erst in der obersten 
Präparandenklasge die Algebra beginnt und auch die Raumlehre einen vollen 
Jahrgang zurück ist. Die Rechnungen aus dem praktischen Leben nehmen 
einen gehr großen Raum ein. Dem Seminar bleiben vorenthalten der bino- 
mische Lehrgatz, die algebraischen Operationen von der ganzen posgitiven 
bis zur komplexen Zahl, die Gleichungen höheren Grades, dazu der Koordi- 
natenbegriff, die Grundlehren von den Kegelschnitten; endlich kommt von 
der Trigonometrie nur wenig zur Durchnahme. | 
Ein günstigeres Bild ergibt der Lehrplan für die Naturwissenschatten. 
Hier ist das Seminar voran. Die Tier- und Pflanzenkunde wird gründlicher 
erledigt, Mineralogie und Chemie nehmen einen breiten Raum ein. Das 
Seminar ist auch um 6 Stunden dem Gymnasium voraus (18 : 12). | 
In der Geographie hat das Seminar ebenfalls einen Vorsprung. . EIf 
Stunden gind angesetzt, während der Gymnagiast nur drei hat, d. h. in den 
Klassen Untertertia bis Untersekunda; denn auf der Oberstufe finden nur 
Wiederholungen statt, die der geschichtlichen und mathematischen, auch der 
Physikstunde zufallen. Die höheren Leistungen des Seminars sind begonders 
in der allgemeinen physischen Erdkunde offenbar. 
Wir stellen fest, daß die Leistungen in diesger Fächergruppe im ganzen 
nicht hinter dem Gymnagium zurückbleiben. Das Manko in der 
Mathematik ist reichlich durch einen naturwissengchaftlichen und auch 
geographischen Vorteil ausgeglichen. 
1) Paulsen, Das deutsche Bildungswesen in geiner geschichtlichen Entwickelung S8. 164. 
Richtlinien der jüngsten Bewegung im höh. Schulwesen Deutschlands 8. 76 (Das Realschul- 
wesen in Deutschland, Seine Bestimmung und Seine zukünftige Gestaltung).
	        

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