Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Gymnasium und Lehrergeminar nicht gleichartig, nicht gleichwertig usw. 171 
Ja die Psychologie soll an den Anfang gestellt werden, und ihr werden 
drei Vierteljahre eingeräumt. Sie zeigt die hauptgsächlichsten Erscheinungen 
des Seelenlebens und geine Gegetze und unterrichtet über die Bedingungen 
und die Art der geistigen Arbeit überhaupt. Deghalb ist gie der Eingang 
zur Pädagogik, die man nun angewandte Philosophie genannt hat. Damit 
braucht noch nicht gefordert zu werden, daß der Schüler die philosophischen 
Systeme durchläuft; aber eine Orientierung in diegen und den philosophischen 
Grundfragen ist damit unerläßlich verbunden. 
Das Gymnagium hat nun keine Gelegenheit, ich mit der Pädagogik zu 
befassen. Aber daß es in Psychologie und philosophische Propädeutik ein- 
führt, ebenso tief einführt wie das Seminar, läßt gich nicht begstreiten. Man 
Sehe nur die Lehrpläne ein, welche unter den Lehraufgaben der Oberstufe 
auch die Behandlung der Hauptpunkte der Logik und der empirischen Psy- 
chologie fordern. Ja die Lektüre goll im Deutschen den Stoff für die Er- 
örterung wichtiger allgemeiner Begriffe bieten, zur Unterstützung der pbilo- 
Sophischen Propädeutik, „deren Aufnahme in den Lehrplan der Prima an 
Sich wünschenswert iet“. Es goll „die Befähigung für logische Behandlung 
und spekulative Auffassung der Dinge gestärkt und dem Bedürfnisse der 
Zeit“ entgegengekommen werden, „die Ergebnisse der Wisgenszweige zu 
einer Gesamtanschauung zu verbinden“. Der philosophischen Bildung dient 
auch die altsprachliche Lektüre. Ciceros philosophische Schriften werden 
gelegen, ebenso Plato; bei letzterem achtet man auf den ethischen Gehalt 
und auf die philosophische Entwicklung. 
Von einem Vorzug des Seminars wird also auch hier nicht geredet wer- 
den können. Dennoch ist die philosophische Bildung des Seminars nicht 
ohne Bedeutung, wie wir weiter unten noch sehen werden. Aber gie ist für 
Sich genommen nicht von der Art, daß gie ein Gegengewicht gegen die 
fehlende Bildung in den Fremdsprachen abgeben könnte. 
Welches ist dieser Wert? Wir folgen Paulsen.!) Er begsteht für die 
alten Sprachen in einer vertieften Erkenntnis der gegchichilichen Welt, des 
Altertums, in desgen Boden die Wurzeln ungeres gesamten geistigen Lebens 
eingesenkt gind, und führt zu einer literarisch-ästhetischen Bildung. Ja Paul- 
Sen meint, daß der klagsgische Unterricht mehr als der neusprachliche zu 
einer gewissen Selbständigkeit geistiger Arbeit, zu strenger Sorgfalt in der- 
Selben führt und daneben zu einer einheitlichen Weltanschauung anleitet, 
weil er relativ geschlossene und reiche Lebenskreise zur Anschauung bringt. 
Als Fregatz für den Ausfall der alten Sprachen bieten die neuen Sprachen 
ein Mehr an Leichtigkeit im Gebrauch, dem mündlichen und dem schrift- 
lichen; die Beschäftigung mit ihrer Literatur gewährt nicht nur sprachlich- 
Stilietische Ausbildung, Sondern auch Kenntnis der wiegenschaftlichen Lite- 
ratur der Gegenwart, die für den Forscher unerläßlich ist. 
?) Richtlinien der jüngsten Bewegung usw. S8. 13ff., 77 ff. (Das Prinzip der Gleichwertig- 
keit; das Realschulwegen in Deutschland).
	        

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