Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
 
Gymnasgium und Lehrersemivar nicht gleichartig, nicht gleichwertig usw. 173 
Sondern auch im Unterrichtsstoff hier und da, z. B. der geforderten Kennt- 
nis guter Jugend- und Volksschriften, der Verwendung von Rechenaufgaben 
begonders aus den Verbhältnisgen des praktischen Lebens. 
Der Unterschied in dem Werte der beiden Schulgattungen ist also ein 
gradueller. So erklären wir uns das Schon zitierte Urteil Paulsens, daß 
das Seminar bei aller Ungleichartigkeit doch „im ganzen“ dem Gymnasium 
gleichwertig ist. Es besteht keine „tiefe Kluft“; die Seminare gind nicht 
mehr „Hinterhäuser der Wigssengschaft“.1) 
Dieser graduelle Unterschied hindert uns nun allerdings, dem Seminar die 
Gleichberechtigung zuzugestehen. Indem nämlich der Kaiserliche Erlaß 
vom 26. November 1900 die Gleichwertigkeit der humanistischen Bildung und 
der realistigchen verkündete, Sind die Berechtigungen sehr bestimmten B8chul- 
formen verliehen, welche in ihren besonderen Lehrplänen von 1901 bestimmte 
Leistungen verlangten. Und indem die Gleichwertigkeit der drei Bildungswege 
anerkannt wurde, ist damit doch noch nicht gegagt, daß „sie eine gleich geeig- 
nete Vorbereitung für jedes wisgenschaftliche Studium geben“. Der Erlaß hat 
nur formalen Wert, im Sinne der verliehenen Freiheiten, nicht der erkannten 
Fähigkeiten. Ja, Paulsen Spricht es aus: „Gegenüber den beiden anderen 
Formen des Gymnagiums ist die Oberrealschule zurzeit die für das Univer- 
Sitätsstudium minder geeignete oder also der Ergänzung bedürftige Vorberei- 
tungsanstalt.“?) Dies Urteil trifft für das Seminar zu, 'insofern als es wie 
die Oberrealschule keine alten Sprachen treibt. Ja, das Seminar bleibt hinter 
dieser noch weit zurück, nicht nur in den neuen Sprachen, Sondern auch in 
den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. | 
Man müßte bis zur vollen Gleichberechtigung einen Lehrplan einführen, 
der in den Sprachen den Leistungen eines Reformgymnagiums oder Reform- 
realgymnagiums oder einer Oberrealschule gleichkäme, also entweder Latein 
und Griechisch oder Latein und Englisch, bzw. Englisch zu dem französi- 
Schen Unterricht hinzufügte. Allein man muß dringend widerraten, diesen 
Versuch zu machen. Zwar würden wir diese Unterrichtsfächer nicht für 
„disparate“ Gegenstände halten, wenn das Deutsche im Mittelpunkt stehen 
bliebe und die Fremdsprachen Sich um dasgelbe in der angegebenen Weise 
gruppieren. Aber die Gefahr der Überbürdung liegt doch vor. Anderer- 
Seits würden die 8o. entstehenden Schulen reine Duplikate der vorhandenen 
Knabengchultypen Ssein. 
Der Vorgschlag, die sprachlichen Fächer zu verstärken, ist ja gemacht 
worden. Die „Wüngsche der Sächsischen Lehrerschaft“ von 1911 betreffen 
die obligatorische Einführung einer zweiten und die fakultative einer dritten 
Fremdsprache. „Die Lehrerschaft legt außerordentlichen Wert darauf, 'daß 
Ihre Allgemeinbildung durch Gewährung umfasgender Sprachkenntnisse er- 
1) So Eeccartus a. a. O. 8. 90 und Tews, Schulkämpfe der Gegenwart. 1911, 8.107. 
?) Paulsen, a. a. O. (Richtlinien) S. 8, 74.
	        

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