Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Literaturberichte. 903 
ausgeschlossen gein ; Hauptziel ist aber, zu veranschaulichen, wie ein französischer Aufsatz ent- 
gteht, wie er vorbereitet wird. Das Geheimnis zum Gelingen liegt in der mündlichen 
Vorbereitung in der Fremdsprache. Im allgemeinen begnüge zich der fremdsprachbliche 
Aufsatz mit Zielen, die weniger hoch gesteckt aind als in der Muttersprache. Die Vorbereitung 
im Unterrichte, die bei dem deutschen Aufsatz von Anfang an viel geringer ist, rasch nach- 
1äßt und gachließlich ganz aufhört, bildet bei dem fremdsprachlichen Aufsatz bis zuletzt die 
Hauptsache. Nur dadurch wird der ärgste Fehler vermieden, der dem Aufsatzbetriebe 80 oft 
anhaftet, das häufige, unverständige, zweckwidrige Nachschlagen im zweisprachigen Wörterbuch 
und das Hinabgleiten in die den freien Arbeiten 80 verderbliche Überzetzungstätigkeit. 
Übungen im Sprechen und im freien Schreiben sollten von vornherein Hand in Hand 
gehen. Selbstverständlich werden sie eich anfangs in einfachen bescheidenen Formen bewegen ; 
Haupterfordernis ist, daß sie häufig und regelmäßig stattfinden. Knaben dieges Alters haben 
eine naive Lust am Sprechen und Schreiben, die man doch Ja ausnutzen Sollte, zumal da 
gie Schnell schwindet. Also parlons et compo8ons! Schüler, die nicht im ersten Jahre 
französisch sprechen und schreiben, werden es schwerlich im letzten J; ahre können und noch 
weniger dann erst lernen. Die höhere geistige Entwicklung älterer Schüler sträubt sich un- 
willkürlich gegen das harmlos muntere Frage- und Antwortspiel über Allereinfachstes, ohne 
welches nun einmal Sprechen nicht gelernt werden kann. Diese elementaren Übungen, die 
viel Zeit, Überlegung und Gegchicklichkeit erfordern, Jassen aich weder ungestraft überspringen 
noch in einem beliebigen späteren Zeitpunkte überstürzt nachholen. Setzt man aich trotzdem 
über diesgen Mangel kühn hinweg, unternimmt man es, ohne weiteres über historische, 
literarische, ästhetiseche Fragen mit den Schülern zu 8sprechen, 80 vergiegen solche Gespräche 
sehr bald oder verwandeln aich in einen Monolog des Lehrers. Richtig geleitete Sprech- 
übungen müßten Schülern und Lehrern auf allen Stufen eine stets willkommene Abwechbhslung 
bieten. Geht aber der Lehrer mit Unlust und nur in großen ZwiSchenräumen an die Sache, 
80 sind golche Sprechversuche nur ein Notbehelf, um eich mit den Vorschriften der Lehr- 
pläne abzufinden, statt zie ihrem Sinne nach zu erfüllen. Also parlons et compo80ns ! 
In den beiden vorliegenden Heften von Parlons et composons wird die Entstehung von 
18 Aufsätzen vorgeführt, und zwar überwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, in der Form 
von Fragen des Lehrers und Antworten der Schüler. Jeder Frage des Lehrers wird 80gar 
der Name des Schülers voll ausgeschrieben hinzugefügt. Auf diese Art werden Dutzende von 
Schülern genannt. Eigentlich gollte jeder Lehrer als Seminarkandidat gelernt haben, daß 
er nach der Frage einen Schüler mit Namen aufzurufen hat, der darauf antworten 8011, Oder 
hat der Verfasger in geiner früheren Stellung als Direktor eines Reform-Realgymnasiums 
andere Erfahrungen gemacht? 
Die Themata gind geschickt und mannigfaltig ausgewählt und werden in gewandtem Fran- 
zögiesch erörtert. Neben literarischen Stoffen, die vielleicht etwas zu viel Raum einnehmen, 
werden auch zwei Gemälde beschrieben, von denen gute Abbildungen beigefügt ind : Bova- 
partes Übergang über den Großen St. Bernhard von David und Anton von Werners Kaisger- 
proklamation in Verzailles. Das deutsche und französische Münzsystem, die Instrumente zur 
Zeitmesgung werden besprochen, ein Ausflug nach Lothringen in Briefform erzählt. Dem 
Lehrer, für den diese Hefte hauptzächlich, wenn nicht einzig und allein, bestimmt sind, 
schreibt die Darstellung keinen fest abgesteckten Weg vor, sondern zeigt ihm vielmehr, wie 
gich diese oder ähnliche Aufgaben mit Nutzen anfassen lasgen. 
Das erste Heft wird eingeleitet durch einige Bemerkungen über den franzögischen Aufgatz, 
das zweite durch Belehrungen über den franzögischen Brief. Beide Abschnitte dürfte mancher 
Leger etwas ausführlicher wünschen. -- Da die Hefte durchweg französisch geschrieben sind 
und auch einen französischen Titel tragen, 50 hätte dieger vortrefflich gewählte Titel nicht 
durch einen langatmigen deutschen Zugatz von gechs Druckzeilen verwäsgert werden gollen. 
Auch konnte in beiden Heften das einzige deutsche Wort Inhaltsverzeichnis wegbleiben. -- 
Im ersten Hefte stimmen die Überschriften der Abschnitte mit den im Inhaltsverzeichnis an-
	        

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