Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Weltbürgertum und Nationalgefüh]l. - 9 
ist edel, er besteht in der Eigenart geines geistigen Lebens; kraft geines 
Geistes hat er gich bereits über geinen politischen Zustand emporgehoben.“ --- 
Vermöge dieser Eigenart ist dem Deutschen die Herrschaft bestimmt auf 
dem Gebiete des geistigen und zgittlichen Lebens. Endlich muß Sitte und 
Vernunft doch giegen über die roie Form. Die Blüte der anderen Yölker 
ist abgefallen, aber die Frucht ist geblieben. Der Deutsche allein ist befähigt, 
gie für die Mengchheit aufzubewahren, vermöge der eigenartigen Sprache, die 
Ihm verliehen ist. Bie ist ein treffliches Abbild geines eigenen Innern, aber 
zugleich dient sie ihm als Mittel künftiger Weltherrschaft. An Vielseitigkeit 
und Kraft wird eie von keiner Sprache der- Welt erreicht, vermöge ihrer 
Univergalität ist gie imstande, zugleich das Griechische und das Moderne, 
das Reale und das Ideelle angemessen auszudrücken. Was aber an dem 
deutschen Wegen der staatlichen Einigung stets hinderlich gewegen ist, das 
wird bei ihm zum Vorzug, ihm dankt es seine Vielseitigkeit und geine kräf- 
tig entwickelte geistige Eigenart. -- Welches aber ist das Ziel dieser Herr- 
Schaft des deutschen Geistes? Nicht dem Briten ist es erreichbar, denn in 
Seiner Handelspolitik ist er in Materialismus versunken, und der „Witz des 
Franken hat nichts gemein mit dem Schönen, nämlich dem Idealschönen“. 
Denn „Krieg. führt der Witz auf ewig mit dem Schönen, den Wahn bekriegt 
er und verletzt den Glauben“. Darum trifft ewige Schmach den deut- 
Schen Sohn, der sklavisch Franzosen und Engländer nachahmt, 
während ihm gelbst ein höberes Ziel bestimmt ist. Und welches ist 
dieges Ziel? Nach dem Höchsten S&oll er streben, die Worte „Natur“ und 
„Ideal“ dienen dem Dichter als dieses „Höchste“ Wie der Adler zur Sonne 
Sich aufschwingt, 80 hebt sich der Deutsche über alle Zeiten und Völker der 
Erde; er verkehrt mit dem Geiste der Welt. Er ist kraft dieses unmittel- 
baren Verkehrs mit dem Weltgeist bestimmt, die Menschheit zur Vollendung 
zu führen, indem er das Schönste, was bei allen anderen Völkern gich ver- 
einzelt findet, zum Kranze vereinigt. Er gselbst ist der Kern der Mengsch- 
heit, jene gind die Blätter und Blüten am Baum der MenSchheit. 
Er ist gewählt durch den Weltgeist, die Schätze aller Zeiten und Jahrhunderte, 
die Sich bei andern Völkern finden, aufzubewahren. 
Während alle andern Völker einmal im Laufe der Zeiten ihren Tag feiern, 
zur Blüte gelangen, ist „der Tag der Deutschen“ „die Ernte der ganzen 
Mensgchheit“; aber dieser Tag wird erst erscheinen am Ende der Welt, „wenn 
der Zeiten Kreis gich füllt“. 
Und von diesem Glauben an die Zukunft durchdrungen, weckt er in sei- 
nem Volke „den Trieb zum Vaterlande“, mahnt zum engen, festen Zusammen- 
Schluß aller zur Rettung aus dem Elend, dem Jammer und der Schande, die er 
über Deutschland und Preußen hereinbrechen gab: „Seid einig, einig, einig!“ -- 
„Ans Vaterland, ans teure, schließ' dich an, 
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen. 
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft!“
	        

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