Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Die deutsche Schule als Klägerin. 235 
Sigmund v. Hausegger mahnt, in striktem Gegensatz zu Schinnerer: „Es 
ist für die jungen Leute direkt notwendig, etwas rein um des Wisgens willen 
zu lernen, und nicht mit dem trivialen Nebengedanken, welchen praktischen 
Nutzen es gewährt“ (S. 338). Richard .Schaukal, den Herr Profesgor Gurlitt 
eingeitig als Kronzeugen gegen das Gymnasium zitiert, gesteht: „Nur die 
humanistischen (Fächer) geben dem Menschen das, was ich das unsichtbare 
Futter der Bildung nennen möchte, die wärmende und stützende Grundlage. 
Alles „Praktische“ läßt gich im Leben gewinnen, rascher und lebendiger 
jedenfalls als in der Schule, die ja nur an Beispielen Anleitung zum tätigen 
Dasein geben kann. Niemals wieder jedoch bolt der praktische Mensch ein, 
was er an „zwecklos“ in sich selbst Schönem versäumt hat. Ich Kenne 
manche Sehnsüchtige, denen nur ein paar Schuljahre zum feinkaratigen 
Mensgchen fehlen, die aber fehlen. Ich habe noch niemals nachhaltig be- 
dauert, diese und jene technische Einzelwisgenschaft nicht zu verstehen; ihr 
Ergebnis, 8ofern es im geistigen Bereich, nicht bloß als Mittel, irgendeinen 
höheren Wert bat, erkenne ich leicht. Daß ich aber meine besten Jahre 
an ihre Ergreifung hätte wenden gollen, würde mir heut eine Vergeudung 
meiner besten Kräfte scheinen , . . . Und gchon als geistige Gelenksübung 
gind die unvergleichlichen klassischen Sprachen unergetzbar. Nur, ich wieder- 
hol's, die Art, wie die Grammatik gedrillt wird, ist entschieden abzulehnen“ 
(8. 241). Sprechen 80 „Leute von künstlerischen Anlagen“, die „auf ihren 
Schulen . . . eine Schädigung ihrer Natur“ erlitten haben, wie das Gurlitt 
von den meisten behaupten will? 
Doch die ungünstigen Urteile gehen noch in anderer Richtung. 
Wir legen von Busse-Palma das Urteil: „Im allgemeinen glaube ich, daß 
die Schule eine allzugroße Fülle von Kenntnisgen einzupauken vergucht. 
Ein wirklich intelligenter Knabe, der die schlechte Angewohnheit des Nach- 
denkens hat, wird bei dem gegenwärtigen Pensum niemals mit den Papagei- 
naturen wetteifern könnnen, die Sinnlos auswendig lernen und sinnlos nach- 
plappern“ (S. 184). Nach Miethe tötet die Schulzeit „die natürlichen An- 
lagen zu lebendiger Vorstellung, zu ginnlichem und intellektuellem Beobachten, 
das Vertrauen zum eigenen Schaffen und eigenem Denken“ (S. 167). Dagegen 
urteilt Raoul Franc6, der Direktor des Biologischen Instituts in München, 
also ein Naturwissenschaftler, der nach geinem eigenen Bekenntnis lange 
gedacht hat: „Mein „Ich“ hat der Schule nichts zu danken“: „Eine andere 
Eingicht ist langsam aufgestiegen im Verlauf eines Lebens, das in Hunderte 
von Briefen Einblick erlangt hat, in denen Entwicklungsgänge beschrieben 
und um Hilfe in geistigen Nöten gebeten wurde, in einem Leben, das selbst 
dem Lehren in Schrift und Wort zugewendet, allmählich mit gchärferen 
Augen Wege und Umwege geistigen Werdens betrachten lernte. In einen 
Satz gebracht: Nicht das Wigsgen, nicht Verstand und Charakter verdanken 
wir der Schule, Sondern die Handhabung des Wiggens. . .. Die Kaiser- 
Damen und die Kriegsjahre, die grammatikalischen Regeln, die Einwohner-
	        

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