Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Literaturberichte. 261 
So glaubt der Denker die neue Grundlage gefunden zu haben, um gegen die Aufklärung 
und mit Fichte und Pestalozzi „das Ziel der Bildung nur in der Entwickelung des geistigen 
Lebens“ bestehen zu lassen. Fortwährend verbindet zich unger eigenes lebendiges Sein mit den 
wahrgenommenen Dingen: „Das Schöne, das Wahre und das Gute, das wir genießen, sind 
keine für 8ich bestehbenden Wegenheiten, g8ondern auf der Inhärenz des Vergangenen im 
Gegenwärtigen beruhende Auffassungsweisen, in denen zich der Inhalt des geistigen Lebens 
darztellt.“ 
Soweit sind wir den eingehenden und manchmal schweren Erörterungen mit Interesse ge- 
folgt und erwarten als letztes, daß uns der Verfasger zeige, wie durch Erziehung und Unter- 
richt die in der Selbsttätigkeit liegende Entwickelung des Geistes gefördert wird. Aber 
wir erleben eine Enttäuschung. Von der ethischen und äzsthetischen Erziehung redet der 
Verfasser überhaupt nicht, und was das Kapitel über „den wissenschaftlichen Unterricht“ 
bringt, kann nicht befriedigen. Denn hier wird dargelegt, daß jenes „Erfassen des einen im 
anderen“, das 8ich in der „Begonderung“ des einen yom anderen, in der Verknüpfung des 
einen mit den anderen und dem Zusammenbesteben des einen mit den anderen offenbare, 
am besten an den Zahlen und den mathematischen Operationen betätige; von ihnen handelt 
daher das ganze Kapitel. Mit aller Entschiedenheit wird der Wert des sprachlichen Unter- 
richts bestritten: „Es ist ein vergebliches Bemühen, wenn man das geistige Leben dadurch 
zur Entwickelung zu bringen sucht, daß man dem heranwachsenden Mengchen, der noch kein 
Verständnis für das geistige Leben und sgeine Äußerungsweigen hat, mit den Regeln der 
Sprache bekannt macht, die nur als unverstandene, auf dem Sprachgebrauch beruhende Tat- 
Sachen gedächtnismäßig hingenommen werden können.“ Erst auf höherer Stufe der jugend- 
lichen Entwickelung, wenn das mathematische Denken vorgearbeitet habe, werde „als eine Be- 
tätigung des bewußten geistigen Lebens“ die Sprache verständlich, „die in ihrer Weige die 
aus der Vergangenheit hervorquellende Entwickelung zum Ausdruck bringt und in ihrem Bau 
Regelmäßigkeiten zeigt, die wie alle Erzeugnisse des geistigen Lebens ein in Wahrgcheinlich- 
keitsbestimmungen (den Regeln der Grammatik) feststellbares, im Durchschnitt vieler Fälle 
zur Geltung kommendes typisches Verhalten erkennen lassen“ Wir wollen gewiß den 
Bildungswert der Mathematik nicht herabsetzen, aber wir werden begstreiten, daß der Sprach- 
unterricht bloß gedächtnismäßiges Einprägen an und für gich unverständlicher Elemente er- 
zwinge; wir werden ingbegondere bestreiten, daß die grammatische Regel im modernen Sprach- 
unterricht das Wegentliche ist. Wir werden allerdings auf die Inanspruchnahme der Ge- 
dächtniskraft nicht verzichten können, weil wir auch darin eine Erziehung zum Arbeiten 
gehen; aber wir glauben doch auch bier von der Selbsttätigkeit des Geistes das Begste er- 
warten zu dürfen: denn es wird geistige Arbeit geleistet, wenn der Schüler in den Vor- 
gestellungsgehalt des fremden Sprachmaterials eindringt, wenn er Entwickelung, Wandern und 
Vergehen der Wörter betrachtet, wenn er Eigenes und Fremdes bei der Überzetzungetätigkeit 
vergleichen, wenn er durch die sprachliche Erziehung gich in fremdes, aber mit dem ungeren 
zusgmmenhängendes Geistesleben einarbeiten muß und eben dadurch die von Lipps kon- 
gtatierte „Inhärenz des Vergangenen im Gegenwärtigen“ erkennt; das alles aind Dinge, die 
auch dem heranwachsgenden Menschen gemäß gind. 
Baden-Baden. 
Boutroux, Emile, William James. Autorisierte deutsche Ausgabe von Dr. Bruno Jordan. 
Leipzig 1912, Veit & Comp. 133 S. geh. 3 Mk, " 
Eine höchst erfreuliche Gabe hat uns der Verlag Veit & Comp. mit der Übersetzung 
des Buches von Ewile Boutroux über William James, den vor einiger Zeit verstorbenen 
amerikanischen Denker und Lehrer an der Harvard-Universität, beschert. Die Übergetzung 
von Dr. Bruno Jordan ist flüssig. Die Schrift behandelt Leben und Persönlichkeit von James 
und gsodann in fünf Abschnitten seine Philosophie (Psychologie, Religionspsychologie, Prag- 
matiemus, die metaphygischen Gesichtspunkte, Pädagogik). Wem es nicht vergönnt ist, James' 
eigene Werke kennen zu lernen, wird einen trefflichen Ergatz dafür in der kurzen, bündigen 
K. Dürr.
	        

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