Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
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Schulreform durch Konzentration. 341 
Und doch liegt der Forderung etwas durchaus Richtiges zugrunde, das 
nur herausgeschält zu werden braucht. Die verschiedenen Schulreformen, 
die wir durchgemacht, haben eich zum Teil in höchst unlogischen Widersprüchen 
vollzogen. Man hat bei allen betont, daß eine Herabsetzung der Ziele nicht 
beabsichtigt sei, und hat doch die Stundenzahl vielfach verringert, Als ob man, 
um mit Verständnis Tacitus zu legen, nicht ebensoviel Latein gelernt haben 
müsse, wie um aus einigen Dutzend stereotypen Wendungen einen sog. lateini- 
Schen Aufsatz zu komponieren! Gerade in den Sprachen, wo Übung das 
A und O des Unterrichts ist, wo man ohne grammatische und Vokabel- 
kenntnis, und das heißt eben immer wieder: ohne Übung, auch das leichtere 
Ziel, verständnisvolle Lektüre, nicht erreichen kann, ist Verringerung der 
Stundenzahl stets identisch mit Erschwerung der Aufgabe. In allen andern 
Fächern kann man einer Verkürzung der verfügbaren Zeit durch Weglassung 
ganzer, umfänglicher Kapitel enfsprechen ; wo aber wäre das im Sprach- 
unterricht angängig? Statt solcher Weglassungen haben aber die andern 
Fächer großenteils Erweiterungen vorgenommen. In den Mathematikunter- 
richt ist die Differential- und Integralrechnung eingedrungen. Biologische, 
physikalische und chemische Schülerübungen neben dem fortlaufenden Unter- 
richt haben gich weithin durchgesetzt. Der Erdkunde ist die Geologie ein- 
gegliedert worden und dominiert in manchen Lehrbüchern 8chon 80, als ob 
gie eigentlich alleinberechtigt wäre. Ob staatsbürgerliche Unterweisungen nun 
;in begonderen Stunden erteilt oder an den Geschichtsunterricht angeschlossen 
werden, auf alle Fälle gind gie im Verhältnis zu früher ebenso als ein Plus 
zu betrachten wie die Lektüre von Geschichtsquellen oder gar die vielfach 
geforderte, hier und da geübte Einführung in die Methode der geschichts- 
wisgenschaftlichen Arbeit. Alles dies erfordert gelbstverständlich Zeit -- 
aber von einer Vermehrung der Stundenzahl ist nicht die Rede, kann auch 
nicht die Rede gein, denn woher gollte 8onst der Spielnachmittag kommen und 
die Muße zum Turnen und Schwimmen, zum Fußball und Schlittschubsport, 
zum Wandern, zum Kriegsspiel und zum „Pfadfinden“ ? Diese trefflichen 
Dinge empfiehlt man, auch vonzeiten der Schulbehörden und Lehrer, mit 
Ernst und Eifer, überzieht aber ganz, daß zie doch auch Zeit, und zwar nicht 
wenig, beanspruchen, wenn gie etwas nützen gollen, daß gie vorher die Ge- 
danken schon in Anspruch nehmen und geistige und körperliche Ermüdung 
zurücklasgen, und man vergißt zu gagen, wie Sich diege widersprechenden 
Dinge vereinigen lassen: einerseits Immer mehr zwar nicht „Fächer“, aber 
Stoffe innerhalb der Fächer, ein immer ärgeres Vielerlei, eine immer stär- 
kere Inanspruchnahme des Gedächtnisses durch heterogene Dinge, anderer- 
geits immer mehr und stärkere, auch von der Schule geförderte Ablenkungen 
von der Schule und ihrer Arbeit -- und weder bier noch dort ein Ausgleich, 
der ein Ausweichen ermöglichte, ein Zuwachs an verfügbarer Zeit, ein Ab- 
Strich von der verlangten Leistung. 
Das ist es, woran wir Bankerott machen: nicht ein absolutes Zuviel, 80n-
	        

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