Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
346 Schulreform durch Konzentration. 
proletariats ein Ziel gesetzt wird. Dies kann geschehen, wie neulich gehr ver- 
Ständig von A. Rehm im „Säemann“ (1912, bes. 8. 364) ausgeführt wurde, durch 
eine Differenzierung des nach dem Abschluß des Untergekundenjahres zu er- 
teilenden Zeugnisges, dergestalt, daß die Berechtigung zum einjährigen Militär- 
dienst grundsätzlich von der Berechtigung zum Besuch des Oberkurgzus ge- 
trennt wird. Wem die letztere zugesprochen ist, dem muß auch eine dritte 
Fremdsprache zugemutet werden können, die nun auch für den Anfang gich 
mit weniger Stunden begnügen mag, als dies auf der Unterstufe möglich 
war. Zwischen Französisch und Englisch gollte dabei stets die Wahl ge- 
Jassen werden; wer beide Sprachen braucht, muß eben die andere zich 
während oder nach der Schulzeit privatim aneignen, was einem mit dem 
Reifezeugnis Ausgezeichneten wohl nicht schwerer fallen wird als den Un- 
zäbligen, die es von jeher ohne Solche Vorbildung haben tun müggen. 
Auf dem Gymnasgium ist eine Verminderung der Mathematik anzustreben. 
Dem Charakter dieger Anstalt zuwider, ist sie jetzt dort vielfach das ent- 
Scheidende Versetzungsfach und nimmt die Kraft der Schüler stärker in 
Anspruch als irgendein anderes. Diese Rolle gebührt ihr auf der Oberreal- 
Schule; auf dem Gymnagium gspielt gie gie zu Unrecht. Auf den Realanstalten 
erhält sie überdies durch das Dazutreten der darstellenden Geometrie (Linear- 
zeichnen) ein starkes Übergewicht, 
Wenn durch diese Reformen, zumal in den Unterklasgen, die Gegamt- 
Stundenzahl ein wenig verringert würde, 80 wäre dies nur zu begrüßen. Mit 
besgerem Gewissen als jetzt könnte man dann der Jugend rege Beteiligung an 
Spiel und Sport und Wandern anraten; eine größere Frische brächte natürlich die 
Kingchränkung der Zersplitterung ganz allein mit gsich.?) Ein Teil der frei 
werdenden Stunden kann jedoch anderen Unterrichtsfächern zugeteilt werden. 
Die 80 oft geforderte, 80 dringend erwüngchte Verstärkung des Deutschen 
wird nun mit einem Male möglich; es kann mindestens überall auf 3, in 
manchen Klassen auf 4 Wochenstunden gebracht werden, was vorzüglich der 
Literaturkenntnis zugute käme. Neben dem Deutschen ind zwei der aller- 
wichtigsten Bildungsfächer noch ganz ungebührlich vernachläggigt, die Natur- 
wisgenschaften (und die ihnen nahestehende Erdkunde) auf dem Gymnagium, 
die Geschichte auf dem Realgymnasium. Beiden könnte die Reform zu ihrem 
Rechte verhelfen. Der Gegchichtgunterricht kann die Anforderungen, welche 
einergeits die bürgerkundliche Bewegung, andrerzeits die auf Quellenstudium 
und wisgensgchaftliche Vertiefung und Verarbeitung des Rohstoffs dringende 
methodologische Richtung an ihn stellen, mit der jetzigen Stundenzahl 
?) Vielleicht ist es erlaubt, hier auch ein Wort über die Wirkung der Änderung auf dis 
Lehrer anzufügen. Auch zie leiden schwer unter der Zersplitterung, die, abgesehen von 
dem niederdrückenden Einfluß der schlechten Ergebnisse auf ihre Stimmung und Freudigkeit, 
Ihre Arbeitskraft weit mehr anspannt als ein weniger zerfahrener Unterricht. Ob ich in 
2 Klasgen je 6, oder in 3 Klasgen je 4 Sprächstunden habe, ist ein großer Unterschied, auch 
wenn man die Korrekturen nicht in Betracht zieht.
	        

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