Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Schulreform durch Konzentration. 349 
überlassgen bleiben. Sie darf aber erst dann eingetzen, wenn in den Zentral- 
fächern die Stufe der Aneignung im wegentlichen überwunden ist; bei der 
Schwierigkeit des Griechischen wird dies frühestens in Untersekunda der 
Fall gein, und auch dies wobl nur, wenn das Griechische wieder in Quarta 
begonnen wird; das hätte aber den Nachteil, den Unterbau völlig von dem 
des Realgymnagiums zu differenzieren. Auf der Oberstufe wäre das Fran- 
zögische oder Englische dann wesentlich als Gebrauchssprache zu lehren, aber 
dafür mit derjenigen Minimalstundenzahl auszustatten, die für allen Sprach- 
unterricht als obligatorisch betrachtet werden muß. 
Das gind freilich Sehr radikale Forderungen ; aber gie Sollen auch gehr tief 
wurzelnden Übeln steuern. Daß mit dem fortgegetzten ganften Herumdoktern 
an der Schule nichts gebessert wird, dürfte die Erfahrung bewiegen haben. 
Es ist Zeit, daß mit der vielberufenen Pflege der Eigenart Ernst gemacht wird; 
erst dann kann von einem Suum cuique die Rede gein, erst dann können 
die verschiedenen Angstalten in einen wirklich fruchtbaren Wettbewerb ein- 
treten. Verfagger dieses Aufsatzes ist nicht Altphilologe und weit entfernt, 
an die alleinseligmachende Kraft des altsprachlichen Unterrichts zu glauben ; 
er will ihm degsbalb auch gar nicht mehr Zeit einräumen, als er besitzt; 
aber erst recht nicht glaubt er an irgendwelche Kraft des Zwitterwegens, 
das jetzt im Gymnasium besteht. Wenn infolge der Umgestaltung, wie aller- 
dings zu erwarten ist, eine starke Abwanderung aus den Gymnasgien einträte 
und hier und da kleinere Anstalten dieses Typus geschlosgen oder umgewan- 
delt werden müßten, 80 wäre darin schwerlich ein Unglück zu gehen. Nicht 
auf die Masse kommt es an, Sondern darauf, daß dauernd eine gewisse, wenn 
auch begschränkte Anzahl dafür beanlagter junger Leute ungeres Volkes 
diesen Bildungsgang durchmachen, von dem sich allzugehr entfernt zu haben 
andere Völker bereits zu bereuen beginnen.) 
Von der größeren Konzentration und Intengität des Betriebs auf der Stufe 
der Aneignung erwarte ich gegen jetzt 80 viel günstigere Erfolge, daß auf 
der Stufe der Anwendung eine Verminderung der Stundenzahl auch in den 
Zentralfächern, begonders im Lateinischen, ohne Schaden stattfinden kann. 
Es kommt hier, wie überall im Leben, auf die Festigkeit und Zuverlässigkeit 
der Grundlagen an, auf denen das Gebäude ruht; zind diese verbürgt, ge- 
langt überdies nur eine wirkliche Elite der Schüler in den Oberkurgus 
(8. 0. S. 345), 80 wird in diesem, aber nur in diegem, keine Erniedrigung der 
Zielleistung mit einer Verminderung der Stundenzahl verbunden gein. Letztere 
iSt unvermeidlich, um die nun neu eingetzende moderne Fremdsprache mit drei- 
mal 4 Stunden ausstatten, die Naturwisgenschaften um eine Stunde verstärken zu 
können und für staatsbürgerliche Unterweisung eine Stunde zu gewinnen. Da 
wohl oder übel der zweistündige fakultative Sprachunterricht fortfallen und 
1) In Frankreich hat man den Rückgang des altsprachlichen Unterrichts für gewisse Er- 
Scheinungen im Bildungsleben verantwortlich gemacht und durch eine Eingabe an den Minister 
um Abhilfe gebeten. Vgl. P. A. 1912, 8. 709.
	        

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