Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
 
366 Beobachtungen u. Erfahrungen eines Schulmannes in den Vereinigten Staaten v. Amerika. 
Somit hat gich der gemeinsame Unterricht in den V. St, von dem nur 
Harvard und Yale gowie einige vornehme Mädchencolleges im Osten eine 
Ausnahme machen, gebr gut bewährt. Ich bin entschieden der Ansicht, daß 
diege Erziehungsweise Sich bei unsern mehr gegitteten Volksschichten mit 
höherer Gegamtbildung und viel besgeren Schulen in Deutschland ohne alle 
Frage mit noch besgerem Erfolge einführen ließe. 
Obgleich das Schülermaterial der High School über mittelmäßig begabt 
;at und auch Lernlust zeigt, 80 trifft A. Inkars1y mit obigem Urteil. über 
die Unterrichtsergebnisse doch den Nagel auf den Kopf; denn die Schüler 
lernen allerlei und vielerlei, aber nichts gründlich. Sie lernen multa, aber 
nicht multum. Das kann indessen wegen der Wahlfreiheit der Unterrichts- 
fächer, die dem amerikanischen Schmetterlingswesen Tor und Tür öffnet, gar 
nicht anders gein. Im fremdsprachlichen Unterricht, Selbst bei ununter- 
brochener Teilnahme, in vier Jahren etwas Nennenswertes zu erreichen, ist 
doch nicht menschenmöglich, wenn auch z. B. im Lateinischen die gramma- 
tischen Übungen in einfachster Form ganz richtig auf das geringste Maß 
beschränkt gind. Aber chon im zweiten Jahr wird Caegar gelesen, im dritten 
Vergil, im vierten Horaz, und das alles bei fünf Wochenstunden! Es ist 
eben nur ein Nippen ohne jede Vertiefung, wobei Schließlich nur ein Brocken- 
wisgen zu ermöglichen 1st. 
Im neusprachlichen Unterricht, wo das Franzögische törichterweise dem 
Deutschen vielfach vorgezogen wird, geht es dengelben Schmetterlingsflug. 
Nur ist das Ergebnis noch viel kläglicher, weil die Lehrbücher nichts taugen 
und die Lehrer und School Ma'ms die zu lehrende Sprache gelbst nicht können, 
obschon zie diese als Unterrichtssprache verwenden gollen. Zudem machen 
den nur englisch sprechenden Jungen die ihnen fremden Laute ehr große 
Schwierigkeiten, 80 daß nur wenige Schüler es zu einer annähernd laut- 
reinen Aussprache bringen, geschweige zum geläufigen, richtigen Sprechen und 
Schreiben. Auch fängt der Unterricht offenbar viel zu spät an und hört min- 
degtens zwei Jahre zu früb auf. -- Nach einer scharfen Kritik des amerikani- 
chen Sprachunterrichts in der „Educational Review“ äußert sich E. J. Goodwin 
gehr zugunsten der Deutschen: „Die Deutschen haben nicht nur eine genauere 
und gründlichere Kenntnis der alten Sprachen, Sondern ihr überlegener Erfolg im 
Lehren der neueren ist gleichfalls bemerkenswert. Die Schüler fangen die neueren 
Sprachen früher an, lernen gie länger und bringen es natürlich zu größerer Be- 
herrschung für gesellscbaftliche, kaufmännische und wisgenschaftliche Zwecke.“ 
Wie die Amerikaner, denen man einen auf das Praktische gerichteten 
Sinn doch wahrhaftig nicht absprechen kann, sich auf die Dauer 80 einen 
minderwertigen Unterricht in lebenden Sprachen gefallen lassen, ist ganz un- 
begreiflich. Während zie 80nSt zu Anfang jedes Tuns und Treibens klüglich 
fragen: wozu? was nützt es? lassen gie hier ihre Jugend vier kostbare Jahre 
geradezu nutzlos vertrödeln ; denn am Ende der Rechnung ergibt sich als 
Fazit eine große Null.
	        

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