Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
370 Beobachtungen u. Erfahrungen 'eines Schulmannes in den Vereinigten Staaten v. Awerika. 
liche Bestreben zeigen, den Mängeln ihres fremdsprachlichen Wisgens und 
Könnens mittels Privatunterrichts abzuhelfen, bzw. die großen Lücken ihrer 
Schulbildung auszufüllen. Wohl in Keinem andern Lande nehmen 80 viele 
Erwachgene Privatstunden wie in Amerika. Ein Beweis dafür, daß gie 
achlechte Schulen besucht haben, wo zie wenig lernen konnten, während es 
'hnen an Lernlust nicht fehlte. Leider läßt jedoch bei vielen die vererbte 
Schmetterlingsnatur es nicht zu, den vorhandenen guten Willen mit ervstem 
Fleiß und nicht verzagender Ausdauer zu vereinigen, bis das Ziel erreicht 
igt; Sie wiegen oder bedenken nicht, daß 
„qui studet optatam cursu contingere metam, 
multa tulit fecitque puer, gudavit et alsit.“ 
Schwitzen und frieren, d. bh. ich beim Lernen ausdauernd anstrengen -- das 
igt gelten ihre Sache, weil eie nicht von jungauf daran gewöhnt worden gind. 
So geht denn das Lernen anfangs ganz frigch und munter vorwärts, besonders 
wenn der Lehrer es an lobender Ermunterung nicht fehlen läßt. Sind 
;ndesgen die ersten Lautschwierigkeiten, die bei den nur englisch Sprechen- 
den immerhin nicht gering ind, einigermaßen überwunden, und kommen die 
grammatischen an die Reihe, von denen man von der Schule her keinen 
rechten Begriff hat -- dann werden die meisten zaghaft, andere gar mutlos und 
erklären: „O, that's too hard for me! I sbhall never learn it; I'd better give 
it up!“ -- Und diege letzten bleiben oft bei ihrem Entscbluß, erzählen dann - 
aber ihren ahnungslogen Bekannten, indem gie mit einigen halbwegs gelernten 
Redengarten um sich werfen, sie bätten Französisch, Deutsch, Spanisch „stu- 
diert“ und könnten diese Sprachen! -- Ich habe in elf Jahren über 60 
junge Leute im Deutschen, Französischen und (nach dem 80g. spanischen 
Kriege) im Spanischen unterrichtet; aber nur etwa ein Dutzend hat Ausdauer 
bewiegen und wirklich etwas gelernt, und diese waren in der Regel von 
deutscher Herkunft, 
Die Yankeemädchen und -frauen haben eine begondere Vorliebe für Fran- 
zögisch, obgleich es ihrer Zunge viel größere Schwierigkeiten macht als das 
Deutsche, dessen Erlernung bei der starken deutschen Bevölkerung viel mehr 
praktischen Wert für sie hätte. Aber gie halten Franzögisch für feiner; dazu 
achwärmen alle für Paris, wo gie ihre Sprechfertigkeit zur Geltung bringen 
wollen. -- Ärzte, Ingenieure gowie Geschäftsleute bemühen Sich, Deutsch 
zu lernen. 
Im allgemeinen können die Amerikaner ebensowenig fremde Sprachen 
wie die Engländer und gagen mit diesen: „What for hall we learn a foreign 
language? -- English is good enough for us.“ 

	        

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