Full text: Pädagogisches Archiv - 55.1913 (55)

 
Volksentartung und Schule in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. 381 
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Advokat zu werden ist in Amerika nicht schwer. Hat ein junger Mann 
eine High school absolviert und während dreier Jahre bei einem lawyer ge- 
arbeitet, 80 kann er nach Ablegung einer primitiven Prüfung zur Rechts- 
praxis zugelasgen werden; es ist dabei nicht nötig, daß er eine 80genannte 
Jaw School durchmacht, obwohl viele junge Leute dies in der Regel tun. Die 
für den Advokaten 80 notwendige Kenntnis des Lateinischen vermißt man 
bei dem gegamten amerikanischen Advokatenstand, abgesehen von einigen 
zehr geltenen Ausnahmen vollständig, ebenso wie eine Kenntnis geschicht- 
Iicher Tatsachen und eine allgemeine Kenntnis des kulturgeschichtlichen 
Entwicklungsganges der Menschheit. Der amerikanische Advokat ist bust- 
ness man pure and Simple und betrachtet seinen Beruf ausschließlich als 
Mittel zum Geldmachen, dem höchsten „Ideal“ des amerikanischen Volkes. 
Psychologische Kenntnisse, selbst der elementarsten Art, kann man bei ihm 
nicht vorausgetzen; es genügt, eine Advokatenrede anzuhören, um Sich von 
der geistigen Hohlheit dieser Pseudo-Rechtsanwälte zu überzeugen. 
Ebenso schlimm steht es mit der wisgenschaftlichen Bildung der Ärzte, 
die offen von denen zugegeben wird, die sich auf europäischen Universitäten 
eine gründliche, zu ihrem Beruf absolut notwendige wisgenschaftliche Bil- 
dung erworben haben. Der Durchschnittsarzt in Amerika ist weiter nichts 
als ein Charlatan. Obwohl zur Ausübung der ärztlichen Praxis eine 
Lizenz verlangt wird, ist dieses Papier doch nicht allzu ernsthaft zu nehmen. 
Hat ein junger Mann, nach Absolvierung der high school, zwei bis drei 
Jahre, manchmal auch nur ein Jahr, auf einem 8ogenannten medical college 
„Studiert“, dann erhält er Sein Diplom und kann jetzt flott drauf los kurieren. 
Bis vor wenigen Jahren -- in der letzten Zeit haben sich die Verhältnisse 
etwas gebessert -- kam es vielfach vor, daß Leute irgendwelchen Berufes, 
Metzger, Spezereiwarenhändler, Musiklehrer, Turnlehrer, Kellner, Farmer usw. 
nach halbjährigem Besuch eines Winkelcollege ein ärztliches Doktordiplom 
ausgefertigt erhielten, ja man Konnte Sogar brieflich Doktor werden. Es gab, 
und, wenn ich recht berichtet bin, gibt Sogar noch heute sogenannte 
correspondence SChools, die, neben der Vorbereitung auf den Beruf eines 
Lokomotivführers, Stenographen, Elektrikers u. dgl., auch Ärzte fabrizieren 
Die Betreffenden mußten zich ein allgemeines Lehrbuch der Anatomie und 
eine Pharmakopöe kaufen; eie brauchten diese Bücher bloß auswendig zu 
Jernen und der „Doktor“ war fertig. Welche Art von Ärzten diese Krea- 
turen waren, bedarf wohl keines Kommentars, aber es gibt deren heute noch 
eine große Zahl --- ich könnte mit Namen dienen --, die auf die genannte 
Weise zum „Doktor“ promovierten und eine glänzende Praxis augsüben. 
Kine Spezialität dieser Charlatane -- und, nebenbei bemerkt, eine Spezialität 
auch einer gehr großen Anzahl anderer Ärzte -- war und ist die Abtreibung 
der Leibesfrucht. Ich will mich nicht darauf einlasgen, von der erschreckenden 
Ausdehnung dieges unsauberen, von den Behörden kaum gehinderten Treibens, 
das man kaum mehr ein race Suicide nennen kann, sondern eher gchon eine
	        

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